Manche Übernahmen sind stille Ergänzungen zum Portfolio. Andere sind Statements. Was Rocket Lab gerade mit Iridium vorhat, gehört eindeutig in die zweite Kategorie – und es sagt etwas Grundsätzliches darüber aus, wie sich die junge Raumfahrtbranche gerade neu ordnet.

Am Donnerstag ist die Hart-Scott-Rodino-Wartefrist für die geplante Übernahme des Satellitenbetreibers Iridium abgelaufen. Ein kartellrechtlicher Meilenstein, formal trocken, inhaltlich aber der Startschuss für die heiße Phase eines Deals im Volumen von rund 7,59 Milliarden US-Dollar.

Iridium-Aktionäre sollen je Anteil 27,00 US-Dollar in bar erhalten, dazu Rocket-Lab-Aktien nach einem Umtauschverhältnis, das zwischen 0,24 und 0,40 Aktien variiert – abhängig davon, wo der Kurs zum Vollzug steht. Der Abschluss wird für Mitte 2027 anvisiert.

Eine Aktie als Zahlungsmittel

Interessant ist, wie Rocket Lab das stemmen will. Ein Brückenkredit über 3,6 Milliarden US-Dollar zu einem effektiven Zinssatz von rund 8 Prozent überbrückt die Zeit bis zur endgültigen Finanzierung. Damit dieser Kredit nicht dauerhaft auf der Bilanz lastet, hat das Unternehmen am Mittwoch ein neues ATM-Aktienprogramm über bis zu 1,94 Milliarden US-Dollar aufgelegt – es ersetzt eine im Mai gestartete, noch nicht ausgeschöpfte Vereinbarung und erhöht die Gesamtermächtigung nicht.

Über den bestehenden Rahmen waren zuvor bereits gut eine Milliarde Dollar eingesammelt worden. Bemerkenswert: Das Programm ist nicht an den Abschluss der Iridium-Übernahme gekoppelt. Rocket Lab zieht sein Kapital, ob der Deal nun durchgeht oder nicht.

Das ist die eigentliche Botschaft dieser Woche. Ein Unternehmen, das noch vor wenigen Jahren als reiner Raketenstarter galt, finanziert sich heute wie ein etablierter Industriekonzern – über Brückenkredite, Wandelstrukturen und ein fortlaufendes Aktienangebot, das Anleger de facto dauerhaft leicht verwässert. Der Markt hat darauf prompt reagiert: Die Aktie gab an einzelnen Handelstagen der Woche zwischen rund zwei und gut drei Prozent nach.

Operatives Geschäft trägt die Wette

Dass Anleger diese Finanzierungsakrobatik überhaupt mittragen, hat einen Grund: Das operative Geschäft liefert. Im zweiten Quartal erzielte Rocket Lab einen Rekordumsatz von 234,07 Millionen US-Dollar, ein Plus von 62 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Der Auftragsbestand kletterte auf 2,36 Milliarden US-Dollar, ein Sprung von 137 Prozent.

Das Segment Space Systems wuchs von 97,9 auf 189,5 Millionen US-Dollar, während das klassische Launch-Geschäft mit 44,6 Millionen US-Dollar leicht schrumpfte. Ein US-Space-Force-Auftrag über 397 Millionen US-Dollar für sogenannte Flatellites unterstreicht, wie sehr sich der Schwerpunkt in Richtung Satellitensysteme und Verteidigung verschiebt.

Der Verlust je Aktie von 0,08 US-Dollar verfehlte die Konsensschätzung von minus 0,06 US-Dollar knapp – ein Wermutstropfen, der die Aktie zunächst um rund fünf Prozent drückte, ehe sie sich wieder stabilisierte.

Für das dritte Quartal stellt das Management einen Umsatz zwischen 250 und 265 Millionen US-Dollar in Aussicht, bei einem operativen Ergebnis von minus 17 bis minus 23 Millionen US-Dollar auf bereinigter Basis.

Der Erstflug der neuen Neutron-Rakete, ursprünglich für das vierte Quartal 2026 anvisiert, könnte sich laut Unternehmensangaben auf 2027 verschieben – Firmenchef Peter Beck blieb bei diesem Thema zuletzt auffallend vage.

Bewertung mit eingebauter Spannung

An der Börse notiert Rocket Lab aktuell bei 69,70 Euro und liegt damit rund 48 Prozent unter seinem 52-Wochen-Hoch von 133,80 Euro, das Ende Mai erreicht wurde. Seit Jahresbeginn steht dennoch ein Plus von 13 Prozent zu Buche, über zwölf Monate sogar von 89 Prozent.

Die Bandbreite der Analystenkursziele bringt die Unsicherheit auf den Punkt: Citizens JMP sieht 130 US-Dollar, Piper Sandler nur 83 US-Dollar bei neutraler Einstufung. Der Konsens liegt bei etwa 110,65 US-Dollar.

Wer die Vervierfachung von Rocket Lab von der Nischenrakete zum diversifizierten Raumfahrtkonzern mit Verteidigungsbezug verfolgt hat, erkennt ein Muster, das aus anderen jungen Industrien bekannt ist: Wachstum wird nicht aus dem Cashflow finanziert, sondern aus dem Vertrauen der Kapitalmärkte in die Zukunft.

Die Iridium-Übernahme ist der bislang größte Test dieses Vertrauens – und ein Fingerzeig darauf, wie viel Rocket Lab bereit ist zu wetten, um aus dem Schatten von SpaceX herauszutreten, dessen Raumfahrtsegment mit 962 Millionen US-Dollar Quartalsumsatz weiterhin in einer anderen Liga spielt.