Es gibt Unternehmen, die ihren Erfolg an Umsatzzahlen messen. Und es gibt Raketenbauer, bei denen ein Starttermin mehr über den Aktienkurs entscheidet als jede Bilanz. Rocket Lab liefert gerade ein Lehrstück dafür, wie unterschiedlich Anleger operatives Tagesgeschäft und strategische Zukunftswetten bewerten.
Am vergangenen Mittwoch brachte das Unternehmen seine 94. Electron-Mission ins All, taufte den Flug „Owl Around The World“ und setzte den japanischen Erdbeobachtungssatelliten StriX von Synspective erfolgreich aus.
Für Rocket Lab war es der 15. Electron-Start des Jahres, die Erfolgsquote bei sämtlichen Synspective-Missionen liegt weiterhin bei hundert Prozent. Das Tagesgeschäft mit der kleinen, bewährten Trägerrakete läuft also, wie es soll: verlässlich, planbar, ein Wiederholungsgeschäft im besten Sinne.
Die große Wette heißt Neutron
Doch genau dort, wo Rocket Lab den nächsten Wachstumsschub sucht, wächst auch die Unsicherheit. Die neue, deutlich größere Neutron-Rakete soll das Unternehmen aus der Nische der Kleinsatelliten-Transporte in die Liga der Schwergewichte katapultieren – dorthin, wo SpaceX bislang konkurrenzlos ist.
Nur: Ein belastbares Startdatum für den Jungfernflug gibt es weiterhin nicht. Marktbeobachter berichteten am Freitag, der Erstflug könne sich bis ins Jahr 2027 verschieben. Genau diese Ungewissheit, nicht das Electron-Geschäft, treibt derzeit die Nervosität der Anleger.
Verschärft wird das Bild durch einen verlorenen Großauftrag: Die NASA vergab einen Mars-Kommunikationsauftrag an Blue Origin statt an Rocket Lab. Für ein Unternehmen, das sich als ernstzunehmenden Systemanbieter jenseits reiner Startdienstleistungen positionieren will, ist das ein Dämpfer – nicht existenzbedrohend, aber ein Signal, dass der Wettbewerb um die großen institutionellen Aufträge härter wird.
Analysten uneins, aber mit Kaufempfehlung
Wie widersprüchlich das Stimmungsbild ist, zeigt sich bei den Analystenhäusern. Berenberg nahm die Aktie am 2. September mit einer Kaufempfehlung und einem Kursziel von 83 Dollar neu in die Bewertung auf – ein bullisher Einstand.
Zur gleichen Zeit kauften Fondsmanager von ARK Invest rund 504.799 Aktien im Wert von etwa 31,6 Millionen Dollar zu, mitten in der Debatte um das enger werdende Neutron-Zeitfenster und den verlorenen NASA-Auftrag. Wer hier long geht, wettet also bewusst gegen die kurzfristige Skepsis.
Zugleich verkaufte Finanzchef Adam C. Spice Anfang des Monats 140.157 Aktien zu einem Durchschnittspreis von 62,63 Dollar, macht rund 8,8 Millionen Dollar. Insiderverkäufe dieser Größenordnung lassen sich nicht automatisch als Misstrauensvotum lesen – oft handelt es sich um planmäßige Verkäufe im Rahmen bestehender Programme.
Trotzdem passt die Häufung von Führungskräfteverkäufen ins Bild einer Aktie, die zwischen operativer Solidität und strategischer Unsicherheit hin- und hergerissen wird.
Was der Kurs davon hält
Der Markt hat die gemischten Signale bereits eingepreist. Am Montag schloss die Aktie bei 56,70 Euro, ein Plus von 2,4 Prozent zum Vortag – eine kleine Erholung nach einem Monat, der die Aktie um 19 Prozent nach unten gedrückt hatte. Auf Sicht von zwölf Monaten steht dennoch ein Plus von 40 Prozent zu Buche, ein Beleg dafür, dass die grundsätzliche Wachstumsstory bei langfristig orientierten Anlegern noch nicht verspielt ist.
Genau darin liegt die eigentliche Frage hinter dieser Aktie: Ist Rocket Lab ein solides Raumfahrt-Zulieferunternehmen mit stabilem Electron-Geschäft, das man zum aktuellen Kurs bewerten sollte? Oder ist es primär eine Option auf Neutron, deren Wert erst mit einem konkreten Starttermin steigt oder fällt?
Die jüngsten Kursziel-Korrekturen einzelner Häuser – Bank of America senkte Ende August ihr Ziel von 115 auf 110 Dollar, Roth Capital von 130 auf 110 Dollar, beide bei fortbestehender Kaufempfehlung – deuten darauf hin, dass selbst optimistische Analysten die Neutron-Verzögerung inzwischen in ihre Modelle einpreisen, ohne die grundsätzliche These aufzugeben.
Für Anleger bedeutet das: Die Electron-Rakete verdient das Geld von heute. Neutron entscheidet, wie groß das Geld von morgen wird – und wie lange sie auf das nächste konkrete Datum warten müssen.
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