Ausgangslage

Rocket Lab steckt mitten im größten Übernahmeprozess seiner Firmengeschichte. Die geplante Übernahme von Iridium Communications hat in den vergangenen zwei Wochen mehrere formale Hürden genommen: Die Wartefrist nach dem US-Kartellrecht lief am 12. August ab, Rocket Lab reichte das Formular S-4 bei der Börsenaufsicht SEC ein, und beide Unternehmen stellten bei der Telekommunikationsbehörde FCC den Antrag, Iridiums Lizenzen auf Rocket Lab zu übertragen.

Parallel dazu startete das Unternehmen ein neues Aktienprogramm über bis zu rund 1,94 Milliarden US-Dollar mit Deutsche Bank Securities und Wells Fargo Securities als Platzierungspartnern – es ersetzt ein älteres Programm aus dem Mai und übernimmt dessen nicht platziertes Volumen.

Diese Schritte sind Verfahrensfortschritte, keine Abschlüsse. Die eigentliche Entscheidung fällt bei der für den 24. September angesetzten Abstimmung der Iridium-Aktionäre über den milliardenschweren Deal. Bis dahin bleibt die Transaktion schwebend – und genau das sorgt an der Börse für Nervosität, wie der Kursverlauf der vergangenen Woche zeigt.

Die entscheidende Frage

Für Anleger reduziert sich die Lage auf eine Frage: Stimmen Iridiums Aktionäre im September zu, und wie stark verwässert das parallel laufende Aktienprogramm die bestehenden Rocket-Lab-Anteile?

Das ATM-Programm über knapp 1,94 Milliarden Dollar gibt dem Unternehmen Flexibilität, den Iridium-Deal zu finanzieren, bedeutet aber potenziell zusätzliche Aktien im Markt. Wie viel davon tatsächlich platziert wird, hängt vom weiteren Kursverlauf und vom Kapitalbedarf der Transaktion ab.

Bullisches Szenario

Läuft der operative Betrieb weiter wie zuletzt, spricht das für die Integrationsfähigkeit des Unternehmens. Am 20. August gelang der 93. Electron-Start und damit die 14. Mission des Jahres 2026, ein iQPS-Erdbeobachtungssatellit wurde erfolgreich ins All gebracht.

Rocket Lab verwies zudem auf neun weitere fest gebuchte iQPS-Starts bis 2030 – ein Auftragspolster, das unabhängig vom Iridium-Ausgang Umsatz sichert. Hinzu kommt die Nachricht vom 16. August: Acht der insgesamt 17 im 143-Millionen-Dollar-Deal mit MDA Space gebauten Satellitenplattformen für Globalstar erreichten am 15. August erfolgreich die Umlaufbahn.

Beide Meldungen zeigen ein diversifiziertes Geschäft, das nicht allein am Iridium-Ausgang hängt. Sollte die Aktionärsabstimmung im September positiv verlaufen und die FCC-Lizenzübertragung zügig folgen, hätte Rocket Lab mit Iridium ein globales Satellitennetz und damit ein deutlich breiteres Standbein neben dem Launch-Geschäft.

Bärisches Szenario

Das Risiko liegt in der Kombination aus Verwässerungsdruck und operativer Unsicherheit bei Neutron. Das potenzielle Emissionsvolumen von knapp 1,94 Milliarden Dollar ist beträchtlich gemessen an der aktuellen Marktkapitalisierung von rund 44,3 Milliarden Euro – schon die Ankündigung kann auf den Kurs drücken, unabhängig davon, wie viel am Ende tatsächlich verkauft wird.

Zugleich bleibt die neue Trägerrakete Neutron ein offener Faktor: Berichten vom 24. August zufolge arbeitet Rocket Lab an einer wiederverwendbaren Fairing-Technologie namens „Hungry Hippo“ und peilt für das vierte Quartal 2026 die Anlieferung an die Startrampe an, während Tests an Hitzeschutz, Steuerflächen, Avionik und Fluidsystemen noch laufen. Das ist ein Entwicklungsstand, kein bestätigter Starttermin.

Verzögert sich Neutron weiter, würde das die Wachstumsstory schwächen, gerade wenn Anleger den Iridium-Deal auch als Diversifizierung von der noch unerprobten Neutron-Rakete lesen.

Zudem bleibt jede Aktionärsabstimmung ergebnisoffen; ein Scheitern am 24. September würde die bisherigen Verfahrensschritte – SEC-Filing, FCC-Anträge, Kartellfreigabe – zunächst wertlos machen.

Ausblick

Solange die operative Auftragslage bei Electron und den Satellitenplattform-Deals stabil bleibt, dürfte der Markt die Iridium-Transaktion als Chance werten, auch wenn der Kurs – aktuell bei 57,90 Euro und damit rund 16 Prozent unter dem 50-Tage-Durchschnitt von 68,57 Euro – die Unsicherheit bereits einpreist.

Kippt jedoch die Stimmung bei der Aktionärsabstimmung am 24. September oder verzögert sich Neutron über das vierte Quartal hinaus, dürfte der Druck auf die Bewertung zunehmen.

Der nächste konkrete Prüfstein ist damit klar datiert: die Abstimmung der Iridium-Aktionäre Ende September, gefolgt von der FCC-Entscheidung über die Lizenzübertragung. Bis dahin bleibt die Aktie ein Wett auf zwei parallele Prozesse – Unternehmensintegration und Raketenentwicklung – deren Ausgang noch offen ist.