Während die SAP-Aktie auf Jahressicht fast 30 Prozent verloren hat, baut der Walldorfer Konzern im Hintergrund eine Position auf, die langfristig entscheidend sein könnte. Das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik hat SAP die Einsatzerlaubnis für die Verarbeitung von Verschlusssachen erteilt. SAP ist damit der einzige Anbieter, auf dessen Plattform SAP- und Kundenanwendungen VS-NfD-konform betrieben werden können.
BSI-Zulassung öffnet Behördenmarkt
Die Zertifizierung gilt für die Rechenzentren in Walldorf und St. Leon-Rot. Der Prüfprozess dauerte rund zwölf Monate. SAP erhält damit Zugang zu einem Marktsegment, das für andere Cloud-Anbieter weitgehend verschlossen bleibt: Behörden und regulierte Industrien mit hohen Datenschutzanforderungen.
Parallel dazu greift SAP in Frankreich an. Beim „Choose France“-Gipfel in Versailles kündigte das Unternehmen Anfang Juni eine Investition von bis zu 300 Millionen Euro an. Ziel ist der Aufbau von Sovereign-Cloud- und Business-AI-Kapazitäten. SAP will seine Dienste über die Bleu-Plattform anbieten und die SecNumCloud-3.2-Zertifizierung der französischen Behörde ANSSI anstreben — was SAP zum ersten nicht-französischen Anbieter mit diesem Status machen würde. Als erster Kunde migriert Thales seine SAP-Systeme in die zertifizierte Umgebung. Die Investition soll rund 100 neue Stellen in Frankreich schaffen.
KI-Strategie kostet — und wird finanziert
Den strategischen Ambitionen folgt Kapital. Im Mai 2026 platzierte SAP eine Euro-Anleihe über 3,5 Milliarden Euro in vier Tranchen mit Laufzeiten von zwei bis sieben Jahren. Die Mittel fließen in allgemeine Unternehmenszwecke, darunter die Finanzierung von Akquisitionen.
Zwei Zukäufe stehen im Mittelpunkt der KI-Datenstrategie. Reltio, ein Anbieter von Master-Data-Management-Software, ist bereits übernommen. Das Unternehmen hilft Kunden, Daten aus SAP- und Nicht-SAP-Systemen für KI-Anwendungen aufzubereiten. In Prior Labs will SAP in den nächsten vier Jahren mehr als eine Milliarde Euro investieren.
Die operative Basis trägt das alles. Im ersten Quartal 2026 wuchsen die Cloud-Erlöse währungsbereinigt um 27 Prozent. Die Cloud-ERP-Suite legte sogar um 30 Prozent zu. Der Current Cloud Backlog stieg auf 21,9 Milliarden Euro. Für das Gesamtjahr 2026 erwartet SAP einen Cloud-Umsatz zwischen 25,8 und 26,2 Milliarden Euro.
Chartbild bleibt schwierig
Die Strategie überzeugt den Markt bisher nicht. Die Aktie notiert bei 141,52 Euro — ein Wochenverlust von rund 12 Prozent, ein Jahresverlust von knapp 30 Prozent. Der 200-Tage-Durchschnitt liegt bei 187,72 Euro, der Abstand beträgt fast 25 Prozent.
Am 23. Juli 2026 veröffentlicht SAP die Q2-Zahlen. Eine Warnung gilt dabei: Sondereffekte hatten das Cloud-Wachstum im ersten Quartal begünstigt. Dieser Rückenwind fällt im zweiten Quartal weg. Investoren werden außerdem erste Kommentare zu den Integrationsplänen von Dremio und Prior Labs erwarten — und genau dort entscheidet sich, ob der Kurs die strategischen Fortschritte endlich einpreist.
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