Ausgangslage

SAP-Aktien setzen ihre mehrtägige Erholung heute fort und notieren bei 171,38 Euro. Zwei Ereignisse liefern den aktuellen Rückenwind: Das Bundeskartellamt hat seine Vorermittlungen gegen den Konzern wegen des Vorwurfs des Machtmissbrauchs beim Datenzugriff ohne Auflagen eingestellt, wie Reuters und das Handelsblatt berichteten. Ausgelöst hatte das Verfahren eine Beschwerde des Wettbewerbers Celonis. Parallel dazu kauft SAP im Rahmen eines milliardenschweren Aktienrückkaufprogramms weiter eigene Papiere zurück. Beide Nachrichten treffen auf eine Aktie, die binnen 30 Tagen bereits um 19,96 Prozent zugelegt hat – ein kräftiger Sprung, der die Frage aufwirft, wie viel Substanz noch in der Bewegung steckt.

Die entscheidende Frage

Der Kern der Debatte liegt nicht im Kartellverfahren selbst, sondern in der operativen Entwicklung, auf die sich der Kursanstieg stützen muss. SAP hatte Ende Juli für das zweite Quartal einen Cloud-Umsatz von 6,28 Milliarden Euro gemeldet, ein Plus von 22 Prozent, währungsbereinigt sogar 24 Prozent. Der Auftragsbestand im Cloud-Geschäft kletterte um 27 Prozent auf einen Rekordwert von 22,9 Milliarden Euro. Gleichzeitig senkte der Konzern seine Prognose für das Non-IFRS-Betriebsergebnis 2026 leicht, von zuvor 11,9 bis 12,3 Milliarden Euro auf 11,8 bis 12,2 Milliarden Euro – wegen Verwässerungseffekten durch die Übernahmen von Dremio und Prior Labs. Die entscheidende Frage für Anleger lautet deshalb: Trägt das Wachstumstempo im Cloud-Geschäft eine Bewertung, die durch Kartell-Erleichterung und Rückkäufe zusätzlich beflügelt wurde, oder läuft der Kurs der operativen Realität derzeit voraus?

Bullisches Szenario

Für die Optimisten sprechen mehrere handfeste Signale. Der Wegfall des Kartell-Overhangs beseitigt eine Unsicherheit, die die Aktie zuletzt belastet hatte. Das Rückkaufprogramm zeigt zudem, dass der Konzern auch bei niedrigeren Kursen Vertrauen in die eigene Bewertung hatte: In der ersten Zwischenmeldung erwarb SAP zwischen dem 27. und 31. Juli exakt 2.184.430 eigene Aktien zu einem Durchschnittskurs von 157,62 Euro, ein Volumen von rund 344,3 Millionen Euro. Noch deutlicher fällt das Signal von CEO Christian Klein aus, der laut einer Pflichtmitteilung am 24. Juli eigene Aktien im Wert von rund 325.219 Euro zu einem Durchschnittskurs von 133,60 Euro erwarb – zu einem Zeitpunkt, als die Aktie deutlich tiefer notierte als heute. Hinzu kommt strategische Substanz: Mit dem finalen Abschluss der Übernahmen von Dremio, einer Data-Lakehouse-Plattform, und Prior Labs, spezialisiert auf tabellarische Foundation Models, erweitert SAP sein Portfolio im Bereich Business AI. Setzt sich das Cloud-Wachstum in diesem Tempo fort und bestätigt der Rekord-Auftragsbestand seine Signalwirkung für künftige Umsätze, hat die Erholung fundamentale Basis.

Bärisches Szenario

Die Risikoseite ist ebenso ernst zu nehmen. Die eingestellten Vorermittlungen betreffen ausdrücklich nur die vorläufige Prüfung des Bundeskartellamts – sie räumen zwar die aktuelle regulatorische Hürde aus dem Weg, sind aber kein abschließendes Urteil über den zugrunde liegenden Streit mit Celonis um Datenzugriffsrechte. Operativ wiegt die leichte Senkung der Gewinnprognose: Auch wenn sie explizit auf Verwässerungseffekte durch Zukäufe zurückgeht, zeigt sie, dass Akquisitionen kurzfristig auf die Marge drücken, bevor sie Wachstumsbeiträge liefern. Technisch fällt auf, dass der jüngste Kurssprung von fast 20 Prozent binnen eines Monats die Aktie deutlich von ihren gleitenden Durchschnitten entfernt hat – ein Tempo, das nach heftigen Bewegungen erfahrungsgemäß Konsolidierungsphasen nach sich zieht. Zudem bleibt der Wert seit Jahresbeginn mit einem Minus von 18,20 Prozent klar im roten Bereich. Die Erholung der vergangenen Wochen hat also erst einen Teil der zuvor erlittenen Verluste wettgemacht, nicht mehr.

Ausblick

Solange das Cloud-Wachstum im zweiten Halbjahr Tempo hält und der Rekord-Auftragsbestand sich in tatsächlichen Umsätzen niederschlägt, dürfte die fundamentale Erzählung die technische Erholung weiter stützen – zumal Rückkäufe und Insider-Käufe zusätzliches Vertrauen signalisieren. Kippt dagegen die Wachstumsdynamik, etwa weil Integrationskosten der jüngsten Übernahmen stärker auf die Marge drücken als erwartet, oder belastet eine erneute regulatorische Initiative rund um den Celonis-Streit die Stimmung, dürfte der Markt die jüngste Kursrally rasch neu bewerten. Der nächste konkrete Prüfstein folgt mit den Zahlen zum dritten Quartal 2026, die SAP für den 21. Oktober angekündigt hat. Bis dahin bleibt die Aktie zwischen operativer Stärke und der Frage gefangen, wie viel davon der Kurs bereits vorwegnimmt.