SAP hat sich in diesem Sommer im Eiltempo neu aufgestellt. Innerhalb weniger Monate hat der Konzern drei Übernahmen abgeschlossen: Reltio für Master Data Management am 7. Mai, Dremio für Data-Lakehouse-Technologie am 9. Juli und Prior Labs, Spezialist für Tabellarische Foundation Models, am 17. Juli. Für mich ist das der eigentliche Stoff, an dem sich die Zukunft dieser Aktie entscheidet – nicht die Tagesbewegungen der letzten Woche.
Die Aktie notiert aktuell bei 184,88 Euro, nach einem gestrigen Schlusskurs von 181,30 Euro ein Plus von 2,0 Prozent. Auf Sicht von 30 Tagen steht ein Zuwachs von 9,5 Prozent zu Buche, während die Aktie seit Jahresbeginn noch 12 Prozent im Minus liegt.
Vom 52-Wochen-Hoch bei 242,00 Euro, erreicht am 23. Oktober, trennen das Papier weiterhin 24 Prozent. Wer daraus eine abgeschlossene Erholungsgeschichte macht, überinterpretiert meines Erachtens einzelne Wochen.
Die Übernahmen sind eine Wette auf agentische KI
Mehr als eine Milliarde Euro über vier Jahre investiert SAP allein in Prior Labs, das als unabhängiges Frontier-AI-Labor für strukturierte Daten ausgebaut werden soll. Zusammen mit Dremio erweitert der Konzern sein Angebot im Bereich agentischer KI, Reltio wiederum soll Kunden helfen, Unternehmensdaten aus SAP- und Nicht-SAP-Systemen KI-tauglich zu machen.
Das Bild, das sich daraus ergibt, ist eindeutig: SAP baut nicht organisch, sondern kauft sich Kompetenz zusammen, um im Wettlauf um KI-Monetarisierung nicht ins Hintertreffen zu geraten.
Ob sich das rechnet, ist eine andere Frage. UBS hat genau hier den Finger in die Wunde gelegt: Am 26. August stufte das Haus SAP von „Kaufen“ auf „Neutral“ ab, hob das Kursziel gleichzeitig auf 201 Euro an.
Diese Kombination aus höherem Kursziel und schwächerer Einstufung wirkt zunächst widersprüchlich, ergibt aber Sinn: Die Analysten sehen zwar fundamentalen Wert, trauen der Aktie aber nach dem starken Lauf kurzfristig keine weitere Outperformance mehr zu.
Als Beleg für ihre Skepsis bei der KI-Monetarisierung führten sie an, dass von 200 angekündigten KI-Agenten Stand Ende August nur 17 tatsächlich verfügbar waren. Zudem rechnet UBS mit einer Abflachung des Cloud-Backlog-Wachstums von 26 auf rund 24 Prozent zum Jahresende.
Die Zahlen sprechen noch für sich
Die Quartalsbilanz von Ende Juli relativiert diese Skepsis zumindest teilweise. Der laufende Cloud-Backlog wuchs währungsbereinigt um 26 Prozent auf 22,9 Milliarden Euro, die Cloud-Erlöse legten um 24 Prozent zu.
SAP hat die Guidance für 2026 sogar angehoben, auf 11,8 bis 12,2 Milliarden Euro Non-IFRS-Betriebsergebnis, trotz eines Verwässerungseffekts von über 100 Millionen Euro durch die Übernahmen. Das ist für mich ein wichtiges Signal: Der Konzern traut sich trotz der frischen Zukäufe eine höhere Profitabilität zu, nicht eine niedrigere.
Auch regulatorisch hat sich zuletzt Druck gelöst. Vor über einem Monat hatte die EU-Kommission ihre Überprüfung der On-Premise-Wartungsrichtlinien abgeschlossen, SAP begrüßte das. Seither hat die Aktie um 33,7 Prozent zugelegt – ein Wert, der zeigt, wie stark regulatorische Entlastung als Kurstreiber wirken kann, auch wenn der eigentliche Beitrag der jüngsten Tagesbewegung damit kaum mehr zu erklären ist.
Unterm Strich sehe ich SAP in einer Phase, in der zwei Narrative um die Deutungshoheit ringen: das der soliden Cloud-Zahlen und angehobenen Guidance auf der einen, das der noch unbewiesenen KI-Monetarisierung auf der anderen Seite.
Die Insider-Käufe von Vorstands- und Aufsichtsratsmitgliedern im August, im Gesamtwert von rund 629.770 Euro, deuten darauf hin, dass zumindest die Unternehmensführung selbst dem ersten Narrativ mehr zutraut.
Für Anleger bleibt die Aktie damit ein Fall, bei dem operative Stärke gegen strategisches Risiko steht – die Chancen überwiegen aus meiner Sicht knapp, solange die Cloud-Zahlen die Erzählung tragen.
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