Der KI-Boom in den Unternehmen ist real. Die Budgets wachsen rasant. ServiceNow steht genau im Zentrum dieser Entwicklung. Und trotzdem fällt die Aktie. Dieses Paradoxon ist derzeit die spannendste Geschichte im Software-Sektor.

ServiceNow hat in den vergangenen Wochen eine gewaltige KI-Allianz geschmiedet. Zusammen mit IBM will der Konzern alte Software modernisieren und Daten für künstliche Intelligenz nutzbar machen. Die gemeinsamen Lösungen sollen im zweiten Halbjahr auf den Markt kommen.

Parallel dazu vertieft das Unternehmen seine Partnerschaft mit Microsoft. IT-Administratoren können KI-Agenten nun direkt in Programmen wie Word oder Outlook überwachen. Auch Nvidia ist an Bord. Die Rechenpower des Chip-Giganten beschleunigt die KI-Plattform von ServiceNow. Hinzu kommt Accenture. Kunden erhalten Zugriff auf über 300 vorgefertigte KI-Fähigkeiten.

Die ungelöste Hürde der Konzerne

Auch auf der Produktseite passiert viel. Auf der Hausmesse Knowledge stellte ServiceNow kürzlich „Otto“ vor. Diese neue KI-Erfahrung soll Mitarbeitern helfen, Absichten direkt in Ergebnisse umzuwandeln.

Der Hintergrund ist ein echtes Branchenproblem. Unternehmen haben Milliarden in künstliche Intelligenz investiert. Messbare Erfolge bleiben meist aus. Der durchschnittliche Konzern nutzt Hunderte Anwendungen mit hastig angeflanschten KI-Funktionen. Es fehlt an Kontrolle.

Operativ läuft es für ServiceNow hervorragend. Im ersten Quartal verdoppelte sich das durchschnittliche Auftragsvolumen für den „AI Control Tower“. Das passt zur allgemeinen Marktentwicklung. Gartner sieht das laufende Jahr als Wendepunkt für die KI-Nutzung in Unternehmen. Die Budgets fließen nun direkt in die Firmen.

Die Börse ignoriert diese Erfolge völlig. Gute Nachrichten prallen an makroökonomischen Sorgen ab. Software-Aktien reagieren extrem empfindlich auf langfristige Zinsen. Ihre Bewertungen basieren auf Gewinnen, die erst in Jahren anfallen. Jeder Anstieg der Anleiherenditen drückt den Kurs.

Der Markt irrt sich

Hier übersehen Investoren einen gewaltigen Rückenwind. Die Ausgaben für Unternehmens-KI explodieren. Gartner rechnet für dieses Jahr mit weltweiten Investitionen von rund 2,59 Billionen US-Dollar. Das ist ein Plus von 47 Prozent.

Viel wichtiger ist aber die Struktur dieser Ausgaben. Die Folge: Unternehmen bündeln ihre Budgets. Sie vergeben weniger Verträge und setzen auf Sieger. IT-Chefs reduzieren das Software-Chaos. Sie suchen nach einheitlichen, intelligenten Systemen.

Genau hier setzt das Geschäftsmodell von ServiceNow an. Die Plattform verbindet alte Systeme, Cloud-Anwendungen und KI-Agenten. Sie schafft eine zentrale Steuerungszentrale. Das ist kein Nischenproblem, sondern die größte Hürde für Firmen-KI.

Analysten sehen ein Kursziel von 125,05 Euro. Das verspricht deutliches Erholungspotenzial. Auf dem Papier bringt ServiceNow alles mit. Hohes Wachstum, dicke Margen und eine makellose Bilanz.

Eine aktuelle Studie des MIT bringt es auf den Punkt. 95 Prozent der generativen KI-Pilotprojekte liefern keinen messbaren finanziellen Nutzen. Diese Zahl erklärt die neue Vorsicht der Kunden. Sie erklärt aber auch, warum IT-Chefs zunehmend Geld für kontrollierte Plattformen ausgeben.

Die Ironie ist offensichtlich. Je öfter Unternehmen mit unstrukturierter KI scheitern, desto wertvoller wird eine disziplinierte Steuerungssoftware. ServiceNow baut exakt dieses Fundament. Die Börse will den vollen Preis dafür aktuell einfach nicht zahlen.