Ein kanadisches Konsortium bestellt Gasturbinen für 4,6 Milliarden US-Dollar. Der Abnehmer ist ein Rechenzentrum mit enormem Strombedarf. Siemens Energy profitiert direkt davon – während der breite Halbleitersektor am Donnerstag unter Druck steht.

Die Aktie notiert aktuell bei 163,22 Euro, ein Plus von 0,82 Prozent zum Vortagesschluss. Auf Jahressicht steht ein Kursgewinn von fast 33 Prozent zu Buche. Zum 52-Wochen-Hoch von 195,54 Euro aus dem April fehlen aber noch gut 16 Prozent.

Turbinen für Alberta: Auftrag mit KI-Hintergrund

Ein Konsortium aus Pembina Pipeline, Morgan Stanley Infrastructure Partners und Kineticor Asset Management hat die finale Investitionsentscheidung für das „Greenlight Electricity Centre“ in Alberta bestätigt. Siemens Energy liefert die Gasturbinen des Typs SGT6-8000H für das Kraftwerk. Es soll 932 Megawatt leisten und speziell ein angeschlossenes Rechenzentrum mit Strom versorgen.

Das Gesamtvolumen des Projekts liegt bei rund 4,6 Milliarden US-Dollar brutto. Die Inbetriebnahme ist für die zweite Jahreshälfte 2030 geplant. Der Auftrag zeigt: Rechenzentrumsbetreiber setzen zunehmend auf grundlastfähige Gaskraftwerke, um ihren Strombedarf zu decken – und Siemens Energy positioniert sich als wichtiger Lieferant dafür.

Kernkraft-Modernisierung als zweites Standbein

Parallel zum Gasturbinengeschäft baut Siemens Energy sein Geschäft mit Kernkraft-Modernisierungen in Nordamerika aus. Vizepräsident Chris Ferraro betonte kürzlich das Potenzial sogenannter „Uprates“. Durch technische Nachrüstungen können bestehende Reaktoren wie an den Standorten Byron und Braidwood ihre Kapazität um bis zu 150 Megawatt pro Einheit steigern.

Ein weiteres Projekt: der Neustart des Palisades-Kernkraftwerks in Michigan im Auftrag von Holtec. Siemens Energy führt dort eine vollständige Turbinenüberholung durch. Sie soll die Lebensdauer der Anlage um bis zu 40 Jahre verlängern. Solche Modernisierungen gelten als schnellster Weg, um CO2-arme Kapazitäten für den steigenden Energiebedarf der Industrie bereitzustellen.

EU zieht Berichtspflichten für Rechenzentren an

Während Siemens Energy von der Nachfrage nach Rechenzentren-Infrastruktur profitiert, verschärft die EU-Kommission die Regeln für deren Betrieb. Eine überarbeitete Energieeffizienzrichtlinie schreibt Rechenzentrumsbetreibern ab einem bestimmten Schwellenwert strengere Berichtspflichten vor. Sie müssen künftig jährlich Daten zu Energieeffizienz und Wasserverbrauch in einer zentralen EU-Datenbank offenlegen.

Auch nationale Regeln wie das deutsche Energieeffizienzgesetz setzen Ziele für Stromnutzungseffizienz und die Wiederverwendung von Abwärme. Ursprünglich strengere Vorgaben zur Kopplung von Grünstrom-Zertifikaten wurden offenbar angepasst. Im Fokus der neuen Regulierung steht nun vor allem mehr Transparenz bei der Nachhaltigkeitsleistung von Rechenzentren.

Charttechnik: Konsolidierung nach starkem Lauf

Die Aktie handelt aktuell knapp unter ihrem 50-Tage-Durchschnitt von 168,03 Euro, aber deutlich über dem 200-Tage-Durchschnitt von 141,15 Euro. Der Relative-Stärke-Index liegt bei 50,7 – ein neutraler Wert nach Monaten mit hoher Schwankungsbreite. Die 30-Tage-Volatilität von über 60 Prozent zeigt: Ruhig geht es bei Siemens Energy derzeit nicht zu.

Auf Sicht von zwölf Monaten hat sich der Kurs nahezu verdoppelt. Der Auftrag aus Alberta und das wachsende Kernkraft-Geschäft liefern operative Argumente für die hohe Bewertung. Die nächste Bewährungsprobe folgt mit den Quartalszahlen im August – dann zeigt sich, ob sich das Auftragsmomentum in den Zahlen niederschlägt.