Speicher-Boom trifft Software-Krise: Western Digital und Micron fliegen, Adobe strauchelt

Western Digital Aktie

KI-Rechenzentren verschlingen Speicherkapazität in Rekordtempo — und die Gewinner stehen fest. Western Digital und Micron gehören am Donnerstag zu den stärksten Werten im NASDAQ-100, während Adobe und Workday den Preis für ein verändertes Software-Paradigma zahlen. Selten war die Rotation innerhalb des Tech-Sektors so deutlich sichtbar.

GewinnerKursVeränderung
Western Digital418,55 €+5,9 %
Micron656,40 €+4,2 %
Copart29,54 €+3,9 %
VerliererKursVeränderung
NXP Semiconductors256,10 €-4,0 %
Workday104,82 €-3,7 %
Adobe210,15 €-3,6 %

Western Digital: Speicherhunger treibt den Superzyklus

Der Tagesgewinner mit fast sechs Prozent Plus hat einen klaren Treiber: Die Nachfrage nach Festplattenkapazität in KI-Rechenzentren übersteigt das Angebot massiv. Kunden geben Bestellungen mittlerweile ein Jahr im Voraus auf. Das allein zeigt die Dringlichkeit.

Im dritten Quartal des Geschäftsjahres 2026 erzielte Western Digital einen Umsatz von 3,34 Milliarden US-Dollar — ein Anstieg von 45 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Die höchsten Erträge kamen aus dem Geschäft mit Rechenzentren und Cloud-Betreibern.

Für zusätzliche Aufmerksamkeit sorgte die Vorstellung neuer Festplatten mit Post-Quanten-Kryptographie. Die Technologie soll Kundendaten vor künftigen Quantencomputern schützen — ein Nischenthema, das bei großen Cloud-Anbietern aber zunehmend Gewicht bekommt. CEO Irving Tan sieht in der Verlagerung hin zu KI-Inferenzanwendungen einen noch stärkeren Nachfragetreiber. Mizuho-Analyst Vijay Rakesh erhöhte sein Kursziel auf 550 US-Dollar und hält an seiner Outperform-Einstufung fest.

Micron: Rebound nach scharfer Korrektur

Micron legte 4,2 Prozent zu und profitierte von derselben KI-Speicher-Dynamik. Bemerkenswert: Der Anstieg folgte auf eine Korrektur von über 13 Prozent innerhalb einer Woche, ausgelöst durch Bedenken über die aggressive Investitionsausweitung und allgemeine Gewinnmitnahmen im Halbleitersektor. Investoren nutzten die niedrigeren Kurse offensichtlich als Einstiegsgelegenheit.

Die fundamentale Basis gibt ihnen Recht. Im zweiten Quartal 2026 wuchs der Umsatz um 196 Prozent. Die Preisdynamik verschärft sich weiter: Die Vertragspreise für DRAM sollen im laufenden Quartal um 58 bis 63 Prozent steigen. Gartner erwartet für das Gesamtjahr einen Anstieg der DRAM-Preise um 125 Prozent.

Die Volatilität bleibt mit über 86 Prozent auf annualisierter Basis enorm hoch. Kurzfristige Rückschläge gehören bei diesem Titel zum Programm. Mittelfristig spricht das Preisumfeld klar für Micron — solange die Nachfrage aus dem KI-Segment nicht abebbt.

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Copart: Stille Stärke abseits des Tech-Hypes

Copart stach am Donnerstag mit einem Plus von 3,9 Prozent heraus — und lieferte den klarsten fundamentalen Auslöser des Tages. Die am Mittwoch veröffentlichten Quartalszahlen übertrafen die Erwartungen auf ganzer Linie:

  • Gewinn je Aktie: 0,43 US-Dollar (Konsens: 0,41 US-Dollar)
  • Umsatz: 1,24 Milliarden US-Dollar (Konsens: 1,19 Milliarden US-Dollar)
  • Bereinigtes EBITDA: 523,4 Millionen US-Dollar (Konsens: 505,6 Millionen US-Dollar)

Starke Preissetzungsmacht kompensierte dabei rückläufige Volumina. Besonders die internationalen Segmente in Großbritannien und Deutschland zeigten robuste Ergebnisse. KI- und Logistik-Innovationen verbessern zudem die operative Effizienz.

Trotz der Erholung liegt Copart mit einem Jahresminus von rund 8 Prozent deutlich hinter dem breiten Markt. Struktureller Rückenwind durch steigende Totalschadenquoten im Kfz-Bereich bleibt ein langfristiges Argument für den Industriewert.

NXP Semiconductors: Konsolidierung nach Rekordjagd

Nach einem Monatsplus von knapp 33 Prozent musste NXP am Donnerstag Federn lassen. Minus 4 Prozent auf 256,10 Euro. Eine am 19. Mai veröffentlichte Verkaufsempfehlung belastete das Sentiment zusätzlich.

Die Skepsis hat durchaus Substanz. Über die vergangenen zwei Jahre schrumpfte der Umsatz um 2,5 Prozent jährlich, weil Kunden Käufe hinauszögerten. Das für das kommende Jahr projizierte Umsatzwachstum von 14,6 Prozent gilt als unsicher.

Gleichzeitig lieferte NXP im ersten Quartal solide Zahlen: 3,18 Milliarden US-Dollar Umsatz, ein Plus von 12 Prozent im Jahresvergleich. Für das Juniquartal erwartet das Management sogar 3,45 Milliarden US-Dollar — deutlich über dem Analystenkonsens. Das fundamentale Bild ist also zweigeteilt. Der Rücksetzer wirkt eher wie eine technische Konsolidierung nach einem steilen Anstieg als wie ein fundamentaler Trendbruch.

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Workday: Earnings-Beat ohne Applaus

Paradox, aber wahr: Workday übertraf beim Gewinn je Aktie die Erwartungen mit 2,66 US-Dollar gegenüber geschätzten 2,56 US-Dollar — und verlor trotzdem 3,7 Prozent. Der Grund liegt im Umsatz. Mit 2,542 Milliarden US-Dollar verfehlte das Unternehmen die Konsensschätzung von 2,567 Milliarden US-Dollar knapp.

Für Software-Werte im aktuellen Umfeld reicht ein Umsatzmiss — und sei er noch so gering — um Verkaufsdruck auszulösen. Die Messlatte liegt extrem hoch. Jim Cramer bezeichnete Workday jüngst als „Aushängeschild für KI-Verdrängung“. BWG Global hatte die Aktie bereits Mitte Mai auf „Negativ“ herabgestuft und auf verschlechtertes Partnerfeedback verwiesen.

Der Kurs notiert seit Jahresbeginn rund 40 Prozent im Minus. Die Angst, dass KI-Modelle das Wachstum großer Softwareanbieter strukturell begrenzen könnten, hat sich bei Workday am deutlichsten materialisiert. Es ist der stärkste Rückgang seit dem Börsengang 2012.

Adobe: KI-Konkurrenz frisst die Bewertung

Adobe verlor 3,6 Prozent und setzt damit einen Abwärtstrend fort, der seit Jahresbeginn über 26 Prozent Kursverlust bedeutet. Die Ursachen sind nicht konjunktureller, sondern struktureller Natur.

Der Abgang von CEO Narayen, verlangsamtes ARR-Wachstum und wachsender Konkurrenzdruck durch generative KI-Tools bilden ein toxisches Gemisch. Der Launch von Anthropics Claude Design im April platzierte ein konkurrierendes Design- und Prototyping-Tool direkt in einer weit verbreiteten KI-Chat-Oberfläche. Der Zeitrahmen, in dem Nutzer auf kostenlose Alternativen statt auf Creative-Cloud-Abonnements zurückgreifen könnten, verkürzt sich spürbar.

Die Konkurrenz kommt von allen Seiten: Microsoft, OpenAI, Alphabet, Midjourney, Canva. Selbst ein angekündigtes Aktienrückkaufprogramm und solide operative Kennzahlen konnten das Vertrauen bisher nicht wiederherstellen. Adobe ist zum Paradebeispiel für den Bewertungsdruck geworden, dem traditionelle Softwareunternehmen im KI-Zeitalter ausgesetzt sind.

Kapitalrotation als Leitmotiv im NASDAQ-100

Der Donnerstag macht eine Dynamik sichtbar, die den NASDAQ-100 in den kommenden Wochen prägen dürfte:

  • KI-Infrastruktur gewinnt: Speicherhersteller profitieren direkt von der physischen Nachfrage nach Rechenkapazität
  • Enterprise-Software verliert: KI-Verdrängungsängste und hohe Bewertungsmaßstäbe setzen Workday und Adobe unter Druck
  • Halbleiter differenzieren: Micron steigt, NXP fällt — der KI-Bezug entscheidet über die Richtung
  • Fundamentals zählen: Coparts klarer Earnings-Beat wurde belohnt, Workdays knapper Umsatzmiss bestraft

Steigende Anleiherenditen und geopolitische Unsicherheiten bleiben als übergeordnete Risikofaktoren bestehen. Die Earnings-Saison liefert weiterhin den wichtigsten kurzfristigen Treiber — und die Toleranz für Enttäuschungen ist bei Software-Werten derzeit extrem gering.

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