Thyssenkrupp Steel Europe steckt nach Medienberichten in fortgeschrittenen Verhandlungen mit der EU-Kommission, der Bundesregierung und dem Land Nordrhein-Westfalen über eine Anpassung der Förderbedingungen für das milliardenschwere Direktreduktionswerk in Duisburg.

Ziel ist die Genehmigung eines vorübergehenden Betriebs mit Erdgas statt Wasserstoff, weil die nötige Wasserstoff-Infrastruktur bislang fehlt. Das rund 3 Milliarden Euro teure Projekt gilt als Kernstück der grünen Transformation der Stahlsparte – seine Finanzierung hängt jedoch an genau jenen staatlichen Förderzusagen, die nun neu verhandelt werden.

Die Nachricht fällt in eine Phase, in der Thyssenkrupp operativ so gut dasteht wie lange nicht. Der Konzern hob am Donnerstag die Prognose für das bereinigte EBIT im laufenden Geschäftsjahr auf eine Spanne von 600 bis 900 Millionen Euro an, zuvor lag die untere Marke bei 500 Millionen Euro.

Als Treiber nannte das Unternehmen operative Verbesserungen bei Steel Europe und bei Marine Systems. Am selben Tag legte der Konzern die Zahlen zum dritten Quartal vor: Der Umsatz stieg um 8 Prozent auf 8,8 Milliarden Euro, das bereinigte EBIT kletterte auf 183 Millionen Euro nach 155 Millionen Euro im Vorjahresquartal. Unterm Strich drehte das Nettoergebnis mit 34 Millionen Euro ins Plus.

Erdgas-Übergangslösung als Kompromiss

Dass ausgerechnet die Stahlsparte, die operativ zuletzt Fortschritte zeigte, nun um die Umwidmung ihrer Fördermittel ringen muss, verdeutlicht das Spannungsfeld zwischen politischem Zeitplan und industrieller Realität. Ohne ausreichende Wasserstoffversorgung droht dem Duisburger Werk ein verzögerter Produktionsstart im vorgesehenen Rahmen.

Eine Genehmigung des Erdgas-Übergangsbetriebs würde Thyssenkrupp Planungssicherheit verschaffen, ohne die grundsätzliche Transformationsstrategie aufzugeben. Parallel dazu treibt die Stahlsparte ihre Restrukturierung voran: Der Ausstieg aus dem Gemeinschaftsunternehmen Hüttenwerke Krupp Mannesmann wurde bereits bestätigt.

Rückenwind aus Marine Systems und Analystenhäusern

Auf der anderen Seite liefert Marine Systems weiter positive Nachrichten. Die Sparte wurde als „Preferred Supplier“ für ein kanadisches U-Boot-Programm über zwölf Einheiten der Klasse 212CD benannt und unterzeichnete zudem einen Vertrag mit der Deutschen Marine über vier Fregatten des Typs MEKO A-200 DEU, inklusive Option auf vier weitere Schiffe.

Diese Auftragslage stützt die zuletzt angehobenen Kursziele: JPMorgan-Analyst Dominic O’Kane erhöhte sein Ziel am Freitag von 12,80 Euro auf 15,00 Euro, beließ die Einstufung aber bei „Neutral“. Bastian Synagowitz von Deutsche Bank Research bestätigte am selben Tag nach Auswertung des Quartalsberichts seine Einstufung „Buy“ mit einem Kursziel von 16,00 Euro.

Die Aktie notierte am Montag bei 13,87 Euro und damit nur 1,4 Prozent unter ihrem 52-Wochen-Hoch von 14,05 Euro. Seit Jahresanfang hat das Papier um 49 Prozent zugelegt, ein Anstieg, der auch die vor rund zwei Wochen von der außerordentlichen Hauptversammlung mit überwältigender Mehrheit beschlossene Abspaltung der Werkstoff-Sparte „tk accelis“ widerspiegelt.

Blick nach vorn

Für die Investoren dürfte der weitere Verlauf der Verhandlungen um die Fördergelder in Duisburg entscheidend bleiben, denn er berührt die Kernfrage, wie schnell und zu welchen Kosten Thyssenkrupp seine Stahlproduktion tatsächlich dekarbonisieren kann.

Ende September will die Sparte Steel Europe auf einem Kapitalmarkttag in London ihre neue Geschäftsstruktur und mittelfristige Finanzziele vorstellen – ein Termin, der Klarheit über die künftige Ausrichtung des Werks bringen dürfte.