Thyssenkrupp steht vor der wichtigsten Weichenstellung der jüngeren Konzerngeschichte. Am Freitag stimmen die Aktionäre auf einer außerordentlichen Hauptversammlung über den geplanten Umbau in eine Finanzholding ab. Vorstandschef Miguel López bekräftigte in den am Montag veröffentlichten Redetexten zur Versammlung die Strategie, den Konzern in seine Einzelteile zu zerlegen und über eine neue Struktur an der Börse zu führen.

Aktionäre sollen Anteile an neuer Gesellschaft erhalten

Kern des Vorhabens ist die geplante Abspaltung unter dem Namen tk accelis Group AG & Co. KGaA. Für je 20 Thyssenkrupp-Aktien soll ein Anteilseigner künftig eine Aktie der neuen Gesellschaft erhalten. Damit würde ein wesentlicher Teil des heutigen Industriekonglomerats organisatorisch von der bisherigen Thyssenkrupp AG getrennt. López verteidigte den Schritt als notwendige Antwort auf die strukturellen Probleme der einzelnen Sparten, die sich zuletzt in unterschiedlichem Tempo entwickelt haben.

Während der Konzern an der großen Strukturreform arbeitet, zeigt sich im operativen Geschäft ein gemischtes Bild. Die Verkaufsgespräche mit Jindal Steel International über die Stahlsparte wurden bereits im Mai offiziell ausgesetzt. Der Fokus liegt seither auf einer internen Sanierung, die auch verbesserte EU-Schutzmaßnahmen für die europäische Stahlindustrie berücksichtigen soll. Parallel zog Thyssenkrupp Steel im Juli einen weiteren Schnitt: Salzgitter übernahm die kompletten Anteile an den Hüttenwerken Krupp-Mannesmann, einem Gemeinschaftsunternehmen der beiden Stahlkonzerne. Für Thyssenkrupp bedeutet das eine weitere Reduzierung der Beteiligungsstruktur im Stahlbereich.

Kurs nahe Jahreshoch, Anleger positionieren sich vor Terminwoche

An der Börse hat sich die Erwartung auf den Umbau bereits in deutlichen Kursgewinnen niedergeschlagen. Am Dienstag schloss die Aktie bei 12,55 Euro, ein Plus von 2,66 Prozent zum Vortag. Seit Jahresbeginn steht damit ein Zuwachs von 35,32 Prozent zu Buche. Der Titel bewegt sich damit nur wenige Prozentpunkte unterhalb seines 52-Wochen-Hochs und deutlich über seinen langfristigen Durchschnittslinien – ein Zeichen dafür, dass der Markt die anstehende Neuausrichtung bislang positiv bewertet.

Diese Woche bringt gleich mehrere Termine, die für die weitere Kursentwicklung relevant werden dürften. Nach der Hauptversammlung am Freitag folgt am 12. August die Quartalsmitteilung von Thyssenkrupp nucera, bevor Thyssenkrupp selbst am 13. August seinen Zwischenbericht für die ersten neun Monate des Geschäftsjahres 2025/26 vorlegt. Bei nucera zeichnet sich bereits jetzt ein schwieriges Bild ab: Vorläufige Zahlen für die ersten neun Monate weisen einen Umsatzrückgang auf 354 Millionen Euro aus, nach 663 Millionen Euro im Vorjahreszeitraum. Das Konzern-EBIT drehte von plus 4 Millionen auf minus 69 Millionen Euro.

Für den Gesamtkonzern rechnet der von Vara Research erhobene Analysten-Konsensus für das dritte Quartal mit einem Median-Umsatz von 8,48 Milliarden Euro und einem bereinigten EBIT von 207 Millionen Euro. Ob Thyssenkrupp diese Erwartungen erfüllen kann, dürfte sich frühestens Mitte August zeigen – für Anleger bleibt die Aufspaltung in tk accelis vorerst der bestimmende Faktor.