Heute entscheidet sich in Wolfsburg, wie radikal Volkswagen seinen Umbau tatsächlich angeht. Der Aufsichtsrat tagt nicht öffentlich über Sparpläne, die den Konzern in seiner Substanz treffen würden. Vor den Werkstoren macht die IG Metall mobil, im Bundestag debattieren Abgeordnete über die Krise des größten europäischen Autobauers.

Auf dem Tisch liegt die bislang größte Umbaurunde der Firmengeschichte. Bis zu 100.000 Stellen könnten wegfallen, doppelt so viele wie bisher angepeilt. Zur Debatte stehen zudem Schließungen von vier deutschen Werken: Hannover, Emden, Zwickau und das Audi-Werk Neckarsulm.

Die Zahlen hinter dem Sparzwang

Der Druck speist sich aus nüchternen Kapazitätsdaten. Die deutschen Werke laufen 2026 nur noch mit rund 81 Prozent Auslastung, bis Ende des Jahrzehnts soll dieser Wert auf 73 Prozent sinken. Besonders drastisch trifft es Zwickau: Noch gilt das Werk mit 88 Prozent als bester Standort unter den vier Schließungskandidaten, bis 2030 könnte die Auslastung jedoch auf 42 Prozent einbrechen.

CEO Oliver Blume muss mit diesen Zahlen die mächtige Arbeitnehmerseite im Aufsichtsrat überzeugen. Sein letzter Restrukturierungsdeal Ende 2024 hatte den Gewerkschaften noch eine Zusage gegen deutsche Werksschließungen eingebracht. Diesmal steht genau diese Zusage zur Disposition.

Druck von allen Seiten

Der Widerstand kommt nicht nur von der Belegschaft. IG-Metall-Chefin Christiane Benner, zugleich stellvertretende Aufsichtsratsvorsitzende, sprach von einer klaren Botschaft an das Gremium und rief zu Protesten an rund 20 Standorten auf. Parallel dazu meldete sich der SPD-Wirtschaftspolitiker Sebastian Roloff zu Wort und forderte das Management auf, gemeinsam mit Beschäftigten und Gewerkschaften Strategien zu entwickeln, ohne das VW-Gesetz oder die Mitbestimmung anzugreifen.

Hinzu kommt Druck aus einer anderen Richtung: den Eigentümerfamilien Porsche und Piech, deren Kernbeteiligungen in den vergangenen Jahren zweistellige Milliardenbeträge an Marktwert verloren haben. Auch die Sportwagentochter Porsche liefert an diesem Tag keine guten Nachrichten. Die Auslieferungen brachen im ersten Halbjahr um 16 Prozent ein, mit nur noch gut 122.000 verkauften Fahrzeugen der niedrigste Wert seit 2020. In China, lange der wichtigste Wachstumsmarkt, sackten die Verkäufe um 32 Prozent ab.

Der Verband der Automobilindustrie ordnet den VW-Fall als Symptom eines branchenweiten Problems ein. Verbandschefin Hildegard Müller warnte, dass nicht jeder Produktionsstandort in Europa eine Zukunft habe und forderte beschleunigte Reformen gegen hohe Energie- und Arbeitskosten sowie bürokratische Hürden. Die EU arbeitet derweil an „Made in Europe“-Regelungen im Rahmen ihres Industrial Accelerator Act, während chinesische Hersteller wie Leapmotor und Chery ihre Produktionskapazitäten in Europa bereits ausbauen.

Am Freitag legt Volkswagen seine Absatzzahlen für das zweite Quartal vor, Porsche öffnet bereits am Vormittag mit einem Pre-Close-Call die Bücher. Beide Termine dürften zeigen, mit welchem Rückenwind oder Gegenwind der Konzern in die Umsetzung der heute beschlossenen Pläne startet.