Liebe Leserinnen und Leser,

5,4 Milliarden Dollar unrealisierter Verlust. So hoch ist die Lücke zwischen dem, was Michael Saylors Strategy für seine 847.363 Bitcoin bezahlt hat, und dem, was sie am Markt wert sind. Der Durchschnittskaufpreis über 113 Käufe: 66.385 Dollar. Der Kurs am Sonntagmorgen: rund 60.800 Dollar, nachdem Bitcoin über das Wochenende zeitweise unter 59.712 Dollar rutschte. Der Crypto Fear & Greed Index steht bei 18 — „Extreme Angst“. Und Saylor? Signalisiert mit dem Spruch „We’re gonna need more charts“ weitere Zukäufe. Die Frage ist nicht mehr, ob er an Bitcoin glaubt. Die Frage ist, ob die Bilanz das noch aushält.

Strategy: Wenn das Modell gegen sich selbst arbeitet

Die Kennzahl, die alles verändert, heißt mNAV — das Verhältnis von Börsenwert zum Wert der gehaltenen Bitcoin. Erstmals liegt sie unter 1, bei rund 0,99. Das bedeutet: An der Börse ist Strategy weniger wert als sein Bitcoin-Bestand. Die MSTR-Aktie schloss bei 82,31 Dollar, ein Minus von knapp 27 Prozent auf Wochensicht und rund 80 Prozent unter dem Allzeithoch. Die Vorzugsaktie STRC handelt bei 74,57 Dollar — fast 29 Prozent unter dem Nennwert von 100 Dollar.

Das Problem liegt in der Finanzierungsstruktur. Die jährlichen Dividendenverpflichtungen für die Vorzugsaktien summieren sich auf rund 1,2 Milliarden Dollar. Der Software-Umsatz liegt bei 477 Millionen Dollar. Die Cash-Reserve wurde zwar auf 1,4 Milliarden Dollar aufgestockt, reicht aber nur für 10 bis 14 Monate Dividendenzahlungen. Grayscale-Forschungsleiter Zach Pandl empfiehlt deshalb den Verkauf von 3 Milliarden Dollar in Bitcoin, um die Lücke zu schließen. Ripple-CEO Brad Garlinghouse kritisiert das gesamte Modell. Benchmark Equity Research hält dagegen am „Buy“-Rating fest.

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Für Trader die entscheidende Mechanik: Solange der mNAV unter 1 liegt, verwässert jede neue Aktienemission den bestehenden Bestand. Das Modell, das Strategy groß gemacht hat — Aktien ausgeben, Bitcoin kaufen, vom Kursanstieg profitieren — funktioniert in die andere Richtung genauso. Nur eben destruktiv.

Bitcoin bei 60.000: Wo liegt der nächste Halt?

Über die vergangenen 250 Tage hat Bitcoin rund 45 Prozent verloren. Die Marktkapitalisierung liegt bei 1,20 Billionen Dollar, die BTC-Dominanz bei 58,2 Prozent. Zuletzt kaufte Strategy 520 BTC für 34,9 Millionen Dollar zwischen dem 15. und 21. Juni sowie 1.550 BTC in der ersten Juniwoche.

Am Krypto-Rand häufen sich derweil Warnsignale. Bei der polnischen Börse Zondacrypto melden Nutzer seit April Auszahlungsverzögerungen. On-Chain-Daten zeigen einen Rückgang der BTC-Reserven in den Hot Wallets um rund 99 Prozent und Abflüsse von über 76 Millionen PLN. CEO Przemysław Kral spricht von technischen Problemen. Der Liquiditätsanbieter TrustedVolumes wurde Anfang Juli von einem Ethereum-Exploit getroffen — Schaden: 5,87 Millionen Dollar. Wer Krypto-Exposure über Drittplattformen hält, sollte das Gegenparteirisiko im Blick behalten.

Im Hintergrund konsolidiert die Branche weiter: Das Krypto-Sicherheitsunternehmen Fireblocks übernimmt TRES Finance für geschätzte 130 Millionen Dollar — die zweite Akquisition binnen drei Monaten.

Hormus: Die Wettmärkte sehen, was der Ölpreis ignoriert

Knapp zwei Wochen nach Unterzeichnung des Rahmenabkommens ist der USA-Iran-Konflikt erneut eskaliert. Nach US-Militärschlägen gegen iranische Ziele drohte Trump, „den Job im Iran zu beenden“. Die Polymarket-Wetten auf eine Normalisierung des Hormus-Verkehrs bis 15. Juli brachen auf 13,5 Prozent ein — von zuvor 25 Prozent. Das impliziert eine 86,5-prozentige Wahrscheinlichkeit für anhaltende Störungen. Eine Normalisierung bis Ende Juni gilt zu 98,65 Prozent als ausgeschlossen.

Der Ölpreis spiegelt das kaum wider. Genau hier liegt eine antizyklische Überlegung: Der Energiesektor handelt mit einem geopolitischen Aufwärtsrisiko beim Rohstoffpreis, das der Markt nicht einpreist, während alles Kapital in KI-Infrastruktur fließt. Sollte Hormus erneut eskalieren, bieten Energiewerte sowohl Bewertungspuffer als auch Hebel auf steigende Rohstoffpreise.

Halbjahres-Ultimo und American Bitcoin: Zwei Randnotizen mit Substanz

Zwei Handelstage bleiben bis zum 30. Juni. Der DAX schloss die Woche schwach bei rund 24.670 Punkten, die Marktbreite ist dünn. Window Dressing zum Quartalsende begünstigt traditionell taktische Bewegungen bei abgestraften Einzelwerten — ein Muster, das bei der aktuellen Schwäche in Krypto-nahen Titeln und im Energiesektor relevant werden könnte.

Auch American Bitcoin, das von Trumps Söhnen unterstützte Mining-Unternehmen, verdeutlicht den Druck: Im ersten Quartal 2026 standen 81,8 Millionen Dollar Nettoverlust zu Buche — trotz Rekordproduktion von 817 geminten BTC. Die Mining-Einnahmen sanken auf 62,1 Millionen Dollar, belastet durch 117,2 Millionen Dollar Buchverluste auf digitale Assets. Immerhin: Die durchschnittlichen Mining-Kosten fielen auf 36.200 Dollar pro BTC nach 46.900 Dollar im Vorquartal. Die strategische Reserve stieg auf 7.021 BTC. Aber auch hier gilt, was für die gesamte Branche gilt: Produktionsrekorde nützen wenig, wenn der Basiswert schneller fällt als die Kosten sinken.

Was jetzt zählt

Zwei Themen bestimmen die kommende Woche. Erstens: die 60.000-Dollar-Marke bei Bitcoin. Solange Strategys mNAV unter 1 verharrt, ist das größte börsennotierte Bitcoin-Vehikel eher Beobachtungsposten als Einstiegssignal. Wer hier einsteigt, wettet nicht auf Bitcoin — er wettet darauf, dass Saylors Finanzierungsmodell einen weiteren Stresstest überlebt.

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Zweitens: die Diskrepanz zwischen Wettmärkten und Ölpreis am Persischen Golf. Wenn 86,5 Prozent der Polymarket-Teilnehmer anhaltende Hormus-Störungen erwarten, der Energiesektor aber weiter gedrückt handelt, dann liegt dort entweder ein Informationsvorsprung der Wettmärkte — oder eine Fehlbewertung am Aktienmarkt. Beides verdient Aufmerksamkeit. Ich wünsche Ihnen einen guten Start in die letzte Woche des ersten Halbjahres.

Herzlichst, Ihr Andreas Sommer