Acht Jahre Geduld — und dann der Ausstieg auf dem falschen Niveau. Vier Ethereum-Wallets, die 2018 rund 37.600 ETH zu etwa 830 Dollar je Coin erhalten hatten, brachen am Freitag ihr langes Schweigen. Innerhalb von vier Stunden verkauften sie 33.623 ETH zu rund 1.560 Dollar — ein Erlös von etwa 52,5 Millionen Dollar, ein realisierter Gewinn von rund 27,4 Millionen Dollar.

Das klingt nach einem guten Geschäft. Es ist keins. Auf dem Allzeithoch im August 2025 bei knapp 4.946 Dollar hätte der unrealisierte Gewinn dieser Wallets mehr als 150 Millionen Dollar betragen. Stattdessen verkauften die Inhaber nahe dem 52-Wochen-Tief — ETH notiert aktuell bei rund 1.565 Dollar, gerade einmal 3,5 Prozent über dem Jahrestief.

Alte Hände, schlechtes Timing

Dieser Verkauf steht nicht allein. Im März liquidierte ein langjähriger Netzwerkinvestor ETH im Wert von 31 Millionen Dollar über Coinbase — nach einem Jahrzehnt ohne Bewegung. Im April transferierte ein ICO-Teilnehmer 10.000 ETH nach zehn Jahren Inaktivität an eine neue Adresse.

Das Muster ist eindeutig: Langzeithalter erwachen in einem fallenden Markt. Noch deutlicher zeigt sich das in den Profitabilitätsdaten. Die Gesamtprofitabilität der großen ETH-Wale ist erstmals seit 2019 unter null gefallen. Jede große Haltergruppe sitzt auf unrealisierten Verlusten.

ETF-Abflüsse: Sieben Tage in Folge

Parallel dazu zieht sich das institutionelle Kapital zurück. Die zehn in den USA gelisteten Spot-Ether-ETFs verzeichneten am 26. Juni zum siebten Mal in Folge Nettoabflüsse — diesmal 12,85 Millionen Dollar. Alle Abflüsse dieses Tages stammten aus BlackRocks ETHA.

Die Vorwoche war deutlich schmerzhafter: 66 Millionen Dollar am 22. Juni, 82 Millionen am 23. Juni, 30 Millionen am 24. Juni, knapp 82 Millionen am 25. Juni. Analysten führen den Rückzug auf Gewinnmitnahmen nach den Kursgewinnen zu Jahresbeginn zurück — kombiniert mit Unsicherheit über den Zinspfad der US-Notenbank. Bemerkenswert: Auch Bitcoin-ETFs verzeichnen gleichzeitig Abflüsse. Die Vorsicht ist kein ETH-spezifisches Phänomen.

Akkumulation gegen den Trend

Das Bild ist nicht vollständig einseitig. Ein Wal tauschte Bitcoin im Wert von rund 27,6 Millionen Dollar in 17.750 ETH — eine klare Rotation in Ether, kein Ausstieg aus dem Krypto-Markt. Investor Chun Wang erwarb fast 87.000 ETH von einer Börse im vergangenen Monat, zu einem Durchschnittspreis von rund 1.749 Dollar.

Arkham identifizierte ferner zwei Wallet-Adressen, die zusammen ETH im Wert von 58,83 Millionen Dollar von Kraken und Bitgo abzogen. Das Muster erinnert an frühere Käufe institutioneller Akteure — konkret wird die Verbindung zu Bitmine spekuliert. ETH handelte zu diesem Zeitpunkt rund 21 Prozent unter seinem 30-Tage-Hoch.

Die 1.500-Dollar-Marke als Prüfstein

Am Donnerstag fiel ETH kurzzeitig auf 1.510 Dollar — ohne dabei ein neues Jahrestief zu markieren, während Bitcoin gleichzeitig auf neue 2026-Tiefs rutschte. Trader bezeichnen 1.500 Dollar als die entscheidende langfristige Unterstützung. Tagesschlüsse darunter würden die bullishen Annahmen infrage stellen, die sich seit dem Bärenmarkt 2022 aufgebaut haben.

Der RSI liegt aktuell bei 30,6 — technisch überverkauftes Terrain. Der Kurs notiert rund 33 Prozent unter dem 200-Tage-Durchschnitt. Ob die ETF-Abflüsse mit dem Monatswechsel abreißen, entscheidet darüber, wie ernst das institutionelle Vertrauen in ETH wirklich beschädigt ist. Ein einziger Tag mit Zuflüssen würde die Serie brechen — bleibt er aus, wächst der Druck auf die 1.500-Dollar-Marke.