Liebe Leserinnen und Leser,
gestern fragte ich, ob die KI-Gewinnmitnahmen in eine breitere Rotation übergehen — oder ob die Dip-Käufer zurückkehren. Die Antwort kam am Freitag in Form eines DAX-Schlusskurses bei 24.888,56 Punkten: fast vier Prozent Wochenplus, und die 25.000er-Marke ist zum Greifen nah. Doch die eigentlich spannenden Signale kommen nicht aus Frankfurt. Sie kommen aus den Rohstoffmärkten. Während Tech konsolidiert und Bitcoin seitwärts driftet, zeichnen sich bei Silber, Gold und den Industriemetallen die klarsten charttechnischen Setups der Woche ab. Vor dem verlängerten Wochenende — Memorial Day in den USA, Pfingstmontag in Deutschland — lohnt ein genauer Blick auf die Niveaus, die jetzt zählen.
Silber und Gold: Klare Marken, klare Trades
Silber gab am Freitag gut ein Prozent ab und notiert bei 75,80 US-Dollar. Charttechnisch hat sich eine kurzfristig bärische Struktur verfestigt: Der Kurs liegt unter der 20-Tage-Linie bei 77,82 Dollar und unter der 50-Tage-Linie bei 76,30 Dollar. Analyst Anton Kharitonov von der Traders Union rechnet mit einer Konsolidierung in der Spanne zwischen 73,50 und 78,00 Dollar. Wer antizyklisch arbeitet, findet hier ein definiertes Risiko-Ertrags-Profil — vorausgesetzt, die Unterstützung bei 73,50 Dollar hält.
Auch Gold steht unter Druck. Ein erstarkter US-Dollar-Index, stabil über der Marke von 99, drückt auf den Spotpreis. Die entscheidende Unterstützungszone liegt zwischen 4.460 und 4.440 Dollar. Analystin Razan Hilal von FOREX.com warnt vor weiterem Abwärtsdruck, sollte diese Zone brechen. Für aktive Trader sind das die Marken, an denen sich in den kommenden Tagen entscheidet, ob die Edelmetall-Rally nur pausiert — oder dreht.
Kupfer-Boom: Warum die UBS australische Minen hochstuft
Während Silber und Gold konsolidieren, bleibt die fundamentale Nachfrage bei Industriemetallen intakt. Die UBS hat am Freitag australische Minenaktien neu bewertet und liefert damit die Blaupause für den aktuellen Rohstoff-Trade. Evolution Mining (EVN) wurde von „Sell“ auf „Neutral“ hochgestuft, mit einem Kursziel von 12,50 AUD.
Die These dahinter: Strukturelle Kupfernachfrage durch Elektrofahrzeuge, Netzinfrastruktur und vor allem die extrem energiehungrigen KI-Rechenzentren trifft auf anhaltende Angebotsengpässe. Das KGV von EVN liegt bei 1.758 — gegenüber einem 5-Jahres-Median von 16,95. Eine absurde Prämie, die zeigt, wie viel Fantasie der Markt in diesen Sektor einpreist. Ob diese Fantasie gerechtfertigt ist, steht auf einem anderen Blatt. Aber die Richtung der Kapitalströme ist eindeutig.
Die Energienachfrage — ob durch KI-Rechenzentren, Netzinfrastruktur oder geopolitische Verwerfungen im Nahen Osten — bleibt das zentrale Investmentthema der kommenden Monate. Genau damit befasst sich das Live-Webinar „Vom Blackout zum Profit: So trotzen Sie dem globalen Energieschock“ von Experte Jörg Mahnert, das heute, am 24.05.2026 um 11:00 Uhr, stattfindet. Mahnert analysiert darin, welche 3 Aktien aus dem Energiesektor als strukturelle Gewinner aus dem aktuellen Schock hervorgehen könnten — und wie Sie Ihr Portfolio konkret gegen Energiepreisschocks absichern. Sie erfahren, welche Unternehmen von steigenden Energiepreisen und Versorgungsengpässen profitieren, während klassische Energie-Riesen unter Druck geraten. Jetzt kostenlos zum Webinar anmelden
DAX an der 25.000: Vorsicht vor dem Feiertags-Vakuum
Trotz des starken Wochenschlusses mahnen Strategen zur Zurückhaltung. LBBW-Stratege Fernow sieht begrenztes Überraschungspotenzial nach oben, Baader-Bank-Experte Halver warnt vor erhöhter Volatilität bei dünnen Umsätzen.
Die Gründe liegen jenseits der Charttechnik. Fed-Direktor Christopher Waller forderte am Freitag in Frankfurt, die Formulierung zu möglichen Leitzinssenkungen aus der offiziellen Fed-Erklärung zu streichen — ein Signal, das Zinshoffnungen weiter dämpft. Gleichzeitig fiel das US-Konsumklima der Universität Michigan im Mai auf ein Rekordtief von 44,8 Zählern, während die einjährigen Inflationserwartungen auf 4,8 Prozent kletterten. Für Deutschland wird zum Monatsende ein Inflationsanstieg auf über 3 Prozent erwartet — erstmals seit Ende 2023. Die Kombination aus hawkisher Fed-Rhetorik und steigender Inflation auf beiden Seiten des Atlantiks ist kein Umfeld für sorglose Long-Positionen.
SpaceX-IPO wirft Schatten auf europäische Börsengänge
Auf Unternehmensebene zieht der SpaceX-Börsengang weite Kreise. Nach Einreichung des S-1-Prospekts strebt Elon Musks Raumfahrtunternehmen eine Bewertung von 1,75 Billionen Dollar an. Die Sogwirkung ist bereits spürbar: Der Bremer Raumfahrtkonzern OHB (Kurs bei 586,00 Euro) und der deutsch-französische Panzerhersteller KNDS erwägen laut MarketScreener, eigene geplante Aktienplatzierungen zu verschieben — niemand will im Schatten dieses Mega-IPOs an den Markt. Bei KNDS plant die Bundesregierung zudem, vor einem möglichen Börsengang einen 40-Prozent-Anteil für mehrere Milliarden Euro zu sichern, um Schlüsseltechnologie im Land zu halten.
Bitcoin: ETF-Abflüsse und eine enge Handelsspanne
Am Kryptomarkt fehlen die Impulse. Bitcoin notiert bei rund 76.734 US-Dollar und bewegt sich in einer engen Spanne. Die institutionelle Seite zeigt Ermüdung: Spot-ETFs verzeichneten zuletzt vier Tage in Folge Nettoabflüsse von kumuliert 1,34 Milliarden Dollar. Allein der BlackRock IBIT verlor am Mittwoch 61,45 Millionen Dollar.
Charttechnisch ist die Lage klar: Erst oberhalb von 80.000 Dollar und der fallenden 200-Tage-Linie öffnet sich Raum für neue bullische Impulse. Fällt die Unterstützung bei 76.000 Dollar, droht ein Rücksetzer auf 74.000 Dollar. Solange sich Bitcoin in diesem Korridor bewegt, gibt es für Trader wenig Grund, aggressiv zu handeln.
Was jetzt zählt
Die kommende Woche startet mit dünnen Volumina und zwei Feiertagen. Das ist kein Umfeld für große direktionale Wetten. Die attraktivsten Setups liegen bei den Edelmetallen — mit klar definierten Unterstützungs- und Widerstandslinien, die antizyklische Einstiege ermöglichen. Die Industriemetall-Minen bieten ein fundamentales Gegengewicht zu den hoch bewerteten Tech-Titeln. Und beim DAX gilt: Die 25.000 sind nah, aber dünne Umsätze und steigende Inflationsdaten machen die Marke zu einem Ziel, das man mit Geduld ansteuert — nicht mit Eile.
Ich wünsche Ihnen ein erholsames Wochenende.
Herzlichst, Ihr Andreas Sommer


