Auf Binance wird XRP knapp. Der Scarcity Index der Börse, der das Verhältnis von verfügbarem Angebot und Nachfrage misst, kletterte Anfang Juli auf 0,77 — den höchsten Stand seit Sommer 2024. Anleger ziehen ihre Token offenbar in großem Stil von der Börse ab.

Noch vor zwei Wochen sah das Bild komplett anders aus. Eine CryptoQuant-Analyse vom 22. Juni zeigte den Index bei nur 0,34, dem niedrigsten Wert seit über drei Monaten. Im April und Mai hatte er noch nahe 0,80 gelegen. Der Einbruch fiel mit einer Schwächephase zusammen: XRP fiel bis zum 24. Juni auf rund 1,057 Dollar, mehr als 15 Prozent unter dem Hoch vom 16. Juni bei 1,29 Dollar — kurz nachdem Ripple über Luxemburg eine vorläufige MiCA-Zulassung erhalten hatte.

Binance verliert Hunderte Millionen Token

Die Angebotsverknappung zeigt sich auch in den absoluten Bestandszahlen. Binance hielt im November 2024 noch etwa 3,27 Milliarden XRP. Aktuell sind es nur noch rund 2,6 Milliarden — ein Rückgang von etwa 650 Millionen Token oder 20 Prozent.

Allein zwischen Mai und Anfang Juli fielen die Reserven von 2,8 auf 2,6 Milliarden. Genau in diesem Zeitraum brach der Scarcity Index nach oben aus. Der Rückgang hat sich zuletzt beschleunigt.

Die Finanzierungsraten am Derivatemarkt lieferten ein weiteres Warnsignal. Sie rutschten im Juni tief ins Negative, mit den stärksten Ausschlägen zwischen dem 26. und 28. Juni — genau auf dem Tiefpunkt des Kurses. Die Erholung auf aktuell rund 1,13 Dollar liest sich damit eher als Eindeckung von Short-Positionen denn als Beleg für frische Kaufnachfrage. Seit Anfang Juli sind die Raten allerdings leicht positiv, was auf eine Bereinigung der Positionierung hindeutet statt auf Euphorie.

Kurs bleibt in enger Spanne gefangen

XRP notiert aktuell bei 1,13 Dollar und testet den Widerstand bei 1,20 Dollar, während Käufer die Unterstützungszone bei 1,10 Dollar verteidigen. Über die vergangenen sieben Tage steht ein Plus von 6,86 Prozent zu Buche, auf Monatssicht sind es 3,37 Prozent. Der Blick auf die längere Frist zeigt aber, wie tief der Fall zuvor war: Seit Jahresbeginn liegt XRP noch immer 39,78 Prozent im Minus, auf Zwölfmonatssicht sogar über 50 Prozent.

Vom Hoch bei 3,65 Dollar aus dem Juli 2025 trennen den Token aktuell fast 70 Prozent. Das Tief von 1,01 Dollar, erreicht am 26. Juni, liegt nur gut 11 Prozent unter dem aktuellen Niveau — die Erholung bewegt sich also noch nah am Boden. Auch die gleitenden Durchschnitte zeichnen ein gemischtes Bild: XRP liegt 5,11 Prozent unter der 50-Tage-Linie und 23,38 Prozent unter dem 200-Tage-Durchschnitt bei 1,47 Dollar. Der RSI von 50 signalisiert weder Über- noch Unterkauf.

ETF-Zuflüsse trotzen der Marktschwäche

Ein Lichtblick bleiben die institutionellen Zuflüsse. XRP-Spot-ETFs verzeichneten in Folge die neunte Woche mit Zuflüssen und sammelten zuletzt 17,19 Millionen Dollar ein — bemerkenswert, weil Bitcoin- und Ethereum-ETFs im selben Zeitraum Netto-Abflüsse hinnehmen mussten.

Analysten warnen jedoch davor, den Scarcity Index als Kaufsignal misszuverstehen. Der Indikator bezieht sich ausschließlich auf Binance und kann sich schnell umkehren, sobald Anleger ihre Token zurück auf die Börse einzahlen. Er beweist zudem nicht, dass neue Käufer in den Markt strömen. Schrumpfendes Angebot allein treibt keine Kurse — die fehlende Nachfrage bleibt die offene Baustelle.

Richtung dürfte in den kommenden Tagen vor allem die US-Geldpolitik vorgeben. Am 7. Juli veröffentlicht die New York Fed ihre Inflationserwartungen der Verbraucher für Juni, tags darauf folgen die Protokolle der FOMC-Sitzung. Fallen die Inflationserwartungen, steigt die Wahrscheinlichkeit für eine Zinssenkung — und damit auch die Chance, dass aus der Angebotsverknappung tatsächlich eine nachhaltige Kursbewegung wird.