Große XRP-Halter ziehen ihre Bestände von Börsen ab wie nie zuvor. Trotzdem rutscht der Kurs weiter ab. Diese Diskrepanz zwischen Wal-Verhalten und Preisentwicklung wirft Fragen auf.

XRP notiert aktuell bei 1,11 US-Dollar, ein Minus von 2,79 Prozent allein am heutigen Tag. Erst vor kurzem hatte die Kryptowährung noch ein Zwei-Wochen-Hoch von 1,16 Dollar erreicht. Der Rücksetzer zeigt: Die Erholungsrally verliert an Kraft, obwohl die Fundamentaldaten auf den ersten Blick anderes vermuten lassen.

Wale dominieren wie nie zuvor

Auf-Chain-Daten zeigen eine deutliche Verschiebung bei den Abflüssen von Kryptobörsen. Laut CryptoQuant-Analyst Amr Taha erreichte der Anteil großer Halter an allen Börsenabflüssen am 22. Juli einen Rekordwert von 77,8 Prozent. Kleinanleger kamen nur noch auf 22 Prozent, den niedrigsten Wert, der je gemessen wurde.

Der Wandel läuft seit Wochen. Am 6. Mai lag der Wal-Anteil noch bei 63 Prozent, Kleinanleger stellten damals 36 Prozent der Abflüsse. Seither ist die Wal-Dominanz um knapp 15 Prozentpunkte gestiegen, während die Beteiligung der Kleinanleger im gleichen Maß gesunken ist.

Auch bei Binance, der größten Kryptobörse nach Handelsvolumen, zeigt sich das Muster. Der Wal-Anteil an den Abflüssen kletterte dort von 67 Prozent Anfang Mai auf 71 Prozent am 22. Juli.

Was das bedeutet, ist allerdings nicht eindeutig. Wenn Großanleger ihre Token in Eigenverwahrung nehmen, sinkt das an Börsen verfügbare Angebot — das könnte den Preis stützen. Kehren die Coins später aber zurück auf die Börsen, wäre das ein Verkaufssignal. Die Daten allein lassen keine klare Richtung erkennen.

Fünf Wochen Akkumulation

Parallel zu den Börsenabflüssen zeigt sich ein zweites Muster. Wallets mit Beständen zwischen 100.000 und 100 Millionen XRP haben laut der Analysefirma Santiment innerhalb von fünf Wochen 2,8 Prozent mehr Coins angehäuft. Das entspricht rund 600 Millionen XRP im Wert von etwa 700 Millionen Dollar.

Diese Gruppe hält inzwischen etwa 22,35 Milliarden XRP. Das ist mehr als ein Drittel aller im Umlauf befindlichen Coins. Bemerkenswert ist weniger die Höhe des Zuwachses als die Konstanz: Fünf Wochen in Folge ist der Trend intakt geblieben.

Politischer Impuls verpufft schnell

Der jüngste Vorstoß auf 1,16 Dollar hatte weniger mit Wal-Käufen zu tun als mit Washington. Am Montag, dem 20. Juli, hatte Präsident Trump einer Ethik-Klausel zugestimmt, die den CLARITY Act im Senat monatelang blockiert hatte. Die Nachricht trieb den Kurs kurzzeitig auf das höchste Niveau seit zwei Wochen.

Der Effekt hielt nicht lange. XRP fiel rasch wieder auf rund 1,14 Dollar zurück und notiert nun noch tiefer. Oberhalb der aktuellen Marke wartet erhebliches Verkaufsangebot: Rund 22,8 Millionen XRP wurden zwischen 1,18 und 1,19 Dollar gekauft, weitere 27,4 Millionen zwischen 1,21 und 1,22 Dollar. Diese Halter dürften bei einer Rückkehr zu ihren Einstandspreisen verkaufen — jede Rally bleibt damit in einem fallenden Kanal gefangen, bis dieses Angebot abgearbeitet ist.

Zusätzlich belastet ein stärkerer US-Dollar-Index samt steigender Anleiherenditen die Stimmung. Hinzu kommt ein strukturelles Problem: Ripples planmäßige Freigaben aus dem Treuhandkonto bringen kontinuierlich neues Angebot in den Markt. Bei schwacher Spot-Nachfrage bremst das jede nachhaltige Kurserholung.

Charttechnik bleibt angespannt

Der 50-Tage-Durchschnitt liegt bei 1,12 Dollar, praktisch auf Höhe des aktuellen Kurses. Der 200-Tage-Durchschnitt notiert dagegen bei 1,41 Dollar, gut 21 Prozent über dem derzeitigen Niveau. Das unterstreicht: Der mittelfristige Abwärtstrend ist intakt, auch wenn XRP sich nur knapp über seinem Jahrestief von 1,01 Dollar hält.

Für die kommenden Tage bleibt die Zone zwischen 1,16 und 1,22 Dollar die entscheidende Hürde. Jeder Erholungsversuch ist in diesem Jahr genau dort gescheitert. Ob die Rekord-Wal-Aktivität diesmal reicht, um den Widerstand zu durchbrechen, oder ob der anstehende Fortgang des CLARITY Act im Senat den nächsten Impuls liefert, bleibt für Marktteilnehmer der zentrale Beobachtungspunkt.