Amerikas größter Betreiber von Atomkraftwerken sitzt an einem faszinierenden Wendepunkt. Künstliche Intelligenz frisst gigantische Mengen an Strom. Die Tech-Konzerne lechzen nach sauberer Energie rund um die Uhr. Constellation Energy liefert genau das. Ein scheinbar perfektes Geschäftsmodell. Das Problem: Die Politik in Washington droht plötzlich, den Stecker zu ziehen.

Der unersättliche Hunger der Server-Farmen

Atomkraft erlebt eine erstaunliche Renaissance. Grund dafür sind die riesigen Rechenzentren der Hyperscaler. Wind und Sonne allein reichen für den KI-Boom schlicht nicht aus. Server brauchen eine absolut verlässliche Stromversorgung. Constellation betreibt 21 Reaktoren an zwölf Standorten. Diese Flotte liefert genau diese emissionsfreie Grundlast. Die Industrie reißt dem Konzern den Strom förmlich aus den Händen.

Mit Tech-Giganten wie Microsoft und Meta hat Constellation bereits langfristige Abnahmeverträge geschlossen. Gemeinsam mit Microsoft entwickelte das Unternehmen sogar eine spezielle Software. Diese misst stundengenau den Verbrauch von CO2-freiem Strom. Das untermauert die strategische Schlüsselrolle des Konzerns für Großverbraucher.

Washington ändert die Spielregeln

Eigentlich schien die Zukunft gesichert. Der Gesetzgeber verabschiedete im Sommer 2022 weitreichende Steuergutschriften für die Nuklearindustrie. Diese Hilfen finanzieren den Ausbau der Flotte und sichern den lukrativen Betrieb.

Bricht dieses Fundament nun weg? Ein aktueller Gesetzentwurf des amerikanischen Steuerausschusses plant einen harten Schnitt. Bereits im Jahr 2029 sollen die Subventionen auslaufen. Das sind drei Jahre früher als ursprünglich beschlossen.

Die Branche wehrt sich massiv gegen diese Pläne. Constellation investierte allein im ersten Jahresviertel über 1,7 Millionen US-Dollar in gezielte Lobbyarbeit. Das entspricht einem Zuwachs von 16 Prozent. Der Konzern kämpft hart um sein planbares Umsatzwachstum.

Kurseinbruch trotz intakter Story

Anleger reagieren auf diese Unsicherheit verständlicherweise nervös. Die Aktie stürzte seit Jahresbeginn um knapp 30 Prozent ab. Aktuell notiert das Papier bei 219,35 Euro. Damit liegt der Kurs über 33 Prozent unter seinem 52-Wochen-Hoch.

Zuletzt kehrte allerdings etwas Ruhe ein. Auf Monatssicht legte der Wert um 4,5 Prozent zu. Der Abstand zum Jahrestief beträgt wieder knapp neun Prozent. Die Börse ringt offensichtlich um eine faire Bewertung. Derzeit bringt Constellation gut 75 Milliarden Euro auf die Waage.

Analysten sehen angesichts der jüngsten Verluste ein immenses Potenzial. Das durchschnittliche Kursziel liegt bei knapp 313 Euro. Das entspricht einem rechnerischen Aufwärtspotenzial von rund 43 Prozent.

Die Kasse klingelt trotzdem

Der Vorstand zeigt sich von dem politischen Störfeuer unbeeindruckt. Das Management bestätigte jüngst seine ambitionierten Finanzziele. Der Gewinn je Aktie soll bis Ende des Jahrzehnts um jährlich mehr als 20 Prozent wachsen. Dabei helfen die langfristigen Verträge mit der Tech-Industrie massiv.

Auch der Kassenbestand wächst rasant. Für die kommenden beiden Jahre prognostiziert das Unternehmen einen freien Cashflow von 8,4 Milliarden US-Dollar. In der anschließenden Zweijahresperiode könnte dieser Wert auf bis zu 13 Milliarden US-Dollar klettern.

Die Rechnung ist am Ende simpel. Künstliche Intelligenz braucht extrem viel Strom. Nur Atomkraftwerke liefern diese Energie rund um die Uhr CO2-frei. Constellation sitzt auf genau dieser kritischen Infrastruktur. Das politische Gezerre um Subventionen dämpft kurzfristig die Euphorie. Hält das Jahrestief bei 201,40 Euro, bietet der aktuelle Abschlag jedoch Zugang zu einem zentralen Profiteur des KI-Booms. Bis zur endgültigen Entscheidung im US-Kongress diktiert aber Washington das Tempo.