Eigentlich müsste Gold in dieser Woche glänzen. Eskalierende Angriffe im Nahen Osten, eine wacklige Lage an der Straße von Hormus, echte Kriegsangst – das sind Zutaten, die den Goldpreis sonst beflügeln. Stattdessen rutscht das Edelmetall ab, während ausgerechnet Öl von der Krise profitiert. Ein Blick auf fünf Rohstoffe zeigt, warum die Marktlogik gerade auf den Kopf gestellt scheint.
Gold: Zinssignale schlagen Kriegsprämie
Der Goldpreis notiert bei 4.002,70 US-Dollar und damit 1,58 Prozent leichter als am Vortag, als die Feinunze noch bei 4.066,90 US-Dollar aus dem Handel ging. Auf Wochensicht steht ein Minus von 3,14 Prozent zu Buche, über 30 Tage sind es sogar 8,05 Prozent – ein deutlicher Bruch mit dem Aufwärtstrend der vergangenen Monate.
Eigentlich hätten schwache US-Inflationsdaten das Edelmetall stützen sollen: Die Verbraucher- und Produzentenpreise für Juni fielen niedriger aus als erwartet und dämpften die Erwartungen an weitere Zinsschritte der Federal Reserve. Genau das kommt einem zinssensiblen Vermögenswert wie Gold normalerweise zugute. Doch die steigenden Ölpreise wirken in die Gegenrichtung: Sie schüren neue Inflationsrisiken und erhöhen damit die Wahrscheinlichkeit, dass die Notenbank ihren restriktiven Kurs beibehält.
Fed-Chef Kevin Warsh goss bei seiner Kongressanhörung zusätzlich Wasser in den Wein. Er bekräftigte die Verpflichtung der Notenbank zur Preisstabilität und relativierte die jüngsten Inflationsdaten als nicht ausreichend für einen Kurswechsel. Gold verhält sich damit gerade untypisch für ein Krisenmetall: Statt als sicherer Hafen gefragt zu sein, folgt der Preis stärker der Zins- und Dollar-Logik als der geopolitischen Nervosität. Mit einem RSI von 38,2 nähert sich der Kurs charttechnisch der überverkauften Zone, der Abstand zum 50-Tage-Durchschnitt von 4.318,59 US-Dollar liegt bei über sieben Prozent.
Silber Preis: Verkaufsdruck trotz Angebotsdefizit
Silber trifft es noch härter als das große Schwestermetall. Der Preis fiel auf 56,61 US-Dollar je Feinunze, ein Rückgang von 1,19 Prozent gegenüber dem Vortagsschluss bei 57,29 US-Dollar. Zusätzlich belastet die Doppelrolle als Industriemetall: Wenn Konjunktursorgen aufkommen, reagiert Silber sensibler als reines Gold.
Etwas Halt fand das Metall durch die schwächer als erwartet ausgefallenen US-Erzeugerpreise, die am Mittwoch erstmals seit fast einem Jahr sanken. Das reicht jedoch nicht, um den übergeordneten Abwärtstrend zu drehen. Fundamental bleibt die Angebotsseite denkbar knapp: Der Silbermarkt befindet sich laut Silver Institute bereits im sechsten Jahr in Folge im Defizit, für 2026 wird ein Fehlbetrag von rund 67 Millionen Unzen erwartet.
Die Schwankungsbreite in diesem Jahr bleibt beachtlich. Im Januar markierte Silber mit rund 118 US-Dollar ein Allzeithoch, ehe es bis Ende Juni auf ein Halbjahrestief um 57 US-Dollar zurückfiel. Die aktuelle Erholung wirkt entsprechend fragil.
Rohöl WTI: Vierter Anstiegstag dank Hormus-Sorgen
Während Edelmetalle nachgeben, zieht die US-Ölsorte an. WTI legte im frühen Handel um 42 Cent auf 80,02 US-Dollar zu und bewegt sich damit den vierten Handelstag in Folge nach oben – nahe an den Monatshöchstständen.
Auslöser sind neue Angriffswellen im Nahen Osten. Die USA verstärkten ihre Militärkampagne gegen den Iran, um die Schifffahrt durch die Straße von Hormus zu schützen. US-Streitkräfte griffen iranische Raketenlager und Abschussanlagen nahe der strategischen Wasserstraße an. Berichten zufolge erwägt Präsident Trump sogar eine Ausweitung der Operationen bis hin zur möglichen Beschlagnahme der Insel Kharg, dem wichtigsten iranischen Ölexportterminal.
Goldman Sachs sieht für den Krisenfall ein deutliches Aufwärtsszenario: Sollten sich die Ausfuhren aus der Golfregion nicht erholen, sei im vierten Quartal ein Brent-Preis über 110 US-Dollar möglich. Entspannt sich die Lage dagegen, halten die Analysten bis Jahresende auch einen Rückgang auf rund 60 US-Dollar für denkbar – eine Bandbreite, die zeigt, wie stark der Ölpreis derzeit an einem einzigen geopolitischen Fadenkreuz hängt.
Brent Crude: Nahe Monatshoch trotz Nachmittags-Konsolidierung
Die europäische Referenzsorte bewegt sich in unmittelbarer Nähe ihrer jüngsten Höchststände. Aktuell notiert Brent bei 85,38 US-Dollar, ein Minus von 0,29 Prozent gegenüber dem gestrigen Schlussstand von 85,63 US-Dollar. Auf Wochensicht bleibt der Trend jedoch klar aufwärtsgerichtet: Binnen sieben Tagen legte der Preis um 12,21 Prozent zu, seit Jahresbeginn summiert sich das Plus auf 40,45 Prozent.
Der Hintergrund der Preisstütze bleibt die angespannte Schifffahrtslage. Vor der Eskalation wurde rund ein Fünftel des weltweiten Öl- und Flüssiggashandels über die Straße von Hormus abgewickelt, dort ist der Schiffsverkehr erneut stark zurückgegangen. Die Internationale Energieagentur beziffert die Ausfuhren aus der Golfregion im Juni auf 16,1 Millionen Barrel pro Tag – trotz eines Anstiegs um 6,5 Millionen Barrel liegt das weiterhin deutlich unter dem Vorkriegsniveau von 24 Millionen Barrel.
Eine weitere Eskalationsgefahr wird bereits gehandelt: Der Iran könnte die mit ihm verbündete Huthi-Miliz im Jemen einsetzen, um zusätzlich die Meerenge Bab al-Mandeb am Roten Meer zu blockieren. Mit einem RSI von 57,4 und einem Abstand von gut sieben Prozent über dem 200-Tage-Durchschnitt zeigt der Chart noch keine Überhitzung, aber klaren Aufwärtsdruck.
Kupfermarkt: Zwischen chilenischer Schwäche und Defizit-Erwartung
Kupfer folgt einer eigenen Logik. Der Preis notiert bei 6,36 US-Dollar je Pfund, nahezu unverändert zum gestrigen Schluss bei 6,38 US-Dollar. Auf Wochensicht steht ein Plus von 1,80 Prozent, seit Jahresbeginn hat das Industriemetall um 11,63 Prozent zugelegt.
Die Angebotsseite bleibt angespannt. Chiles monatlicher Wirtschaftsaktivitätsindex verzeichnete mehrere aufeinanderfolgende Rückgänge, was vor allem auf eine schwächere Bergbauaktivität und reduzierte Kupferproduktion in mehreren großen Betrieben zurückgeht. Das Land liefert rund die Hälfte der globalen Kupferexporte, das Metall macht mehr als zehn Prozent des chilenischen Bruttoinlandsprodukts aus.
Gestützt wird der Preis zusätzlich von den schwächer als erwarteten US-Inflationsdaten, die Zinssorgen dämpfen. UBS bleibt strukturell bullish: Die Bank hat ihre Prognosen für das Angebotsdefizit mehrfach nach oben angepasst und rechnet für 2026 mit einem klaren Fehlbetrag, getragen von schwachem Minenwachstum und robuster Nachfrage aus Elektrifizierung, Rechenzentren und künstlicher Intelligenz. Entsprechend empfiehlt die Bank, Kursrücksetzer für den Aufbau von Long-Positionen zu nutzen. Mit einem Abstand von nur 0,39 Prozent zum 50-Tage-Durchschnitt bewegt sich der Kupferpreis derzeit exakt auf seiner mittelfristigen Trendlinie.
Sektordynamik: Fünf Rohstoffe, fünf Reaktionen auf dieselbe Krise
Der Donnerstag zeigt exemplarisch, wie unterschiedlich Rohstoffe auf denselben geopolitischen Auslöser reagieren:
- Öl (WTI und Brent): klarer Krisenprofiteur, angetrieben von realer Sorge um die Hormus-Route
- Gold: Safe-Haven-Logik wird von Zinserwartungen überlagert, Preis fällt trotz Kriegsangst
- Silber: leidet stärker als Gold durch zusätzliche Industriemetall-Sensitivität
- Kupfer: reagiert nur moderat auf die Krise, folgt eigener strukturschwacher Defizit-Story
Diese Divergenz macht deutlich: Rohstoffe lassen sich derzeit nicht als homogener Block lesen. Jedes Asset folgt seiner eigenen Risikologik, auch wenn die geopolitische Lage im Hintergrund alle beeinflusst.
Ausblick: Drei Faktoren entscheiden die kommenden Tage
Die Hormus-Front bleibt der wichtigste Unsicherheitsfaktor. Jede weitere Eskalationsstufe – etwa eine Ausweitung auf die Bab-al-Mandeb-Straße durch die Huthi-Miliz – könnte die Ölpreise weiter antreiben und über den Inflationskanal auch auf Gold und Silber zurückwirken.
Zusätzlich prägen die heutigen US-Konjunkturdaten die Zinserwartungen für die nächste Fed-Sitzung: Einzelhandelsumsätze, Erstanträge auf Arbeitslosenhilfe und der Philly-Fed-Index stehen auf der Agenda. Beim Kupfer bleibt entscheidend, ob sich die chilenische Produktionsschwäche fortsetzt und die von UBS erwarteten Lagerabbauten bestätigen – dann könnte das Industriemetall unabhängig von der geopolitischen Großwetterlage weiter zulegen.
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