Es gibt Momente, in denen eine Branche ihr Versprechen einlöst. Für ITM Power war das Anfang August, als aus der Anlage in Lingen erstmals grüner Wasserstoff tatsächlich beim Kunden ankam – kein Prototyp, keine Testphase, sondern reale Auslieferung aus dem Elektrolyseur von RWE im Rahmen des Projekts GET H2 Nukleus.
Diese Geschichte ist bereits erzählt, sie liegt gut einen Monat zurück und hat der Aktie seither kaum geholfen. Doch sie wirft eine Frage auf, die weiterträgt: Wohin liefert ein Unternehmen wie ITM Power eigentlich, wenn der Wasserstoff erst einmal fließt?
Eine mögliche Antwort kam Ende Juni, lange bevor Lingen in den Schlagzeilen stand. ITM Power und DB Systemtechnik unterzeichneten eine Absichtserklärung für eine Innovations- und Forschungspartnerschaft. Ziel: grüner Wasserstoff soll Schienenverkehr und kritische Infrastruktur dekarbonisieren.
Der erste Schritt ist eine sogenannte Front-End-Engineering-Design-Studie – technisches Vorgeplänkel, das jedoch zeigt, wohin die Reise geht. Wasserstoff nicht nur als Industriegas, sondern als Treibstoff für Züge und als Baustein für Energieresilienz.
Die Schiene als neues Absatzfeld
Diese Partnerschaft ist deshalb bemerkenswert, weil sie ITM Power aus der reinen Elektrolyseur-Lieferantenrolle herausführt. Wer Wasserstoff für Schienenfahrzeuge mitdenkt, denkt in Systemen: Erzeugung, Speicherung, Betankung, Flottenintegration. Das ist ein anderes Geschäft als der Verkauf einer Anlage an einen Energiekonzern. Es ist auch riskanter, weil Bahnbetreiber langsamer entscheiden als Industriekunden – aber es öffnet einen Markt, der in Europa politisch gewollt ist.
Wer Schienenverkehr dekarbonisieren will, ohne flächendeckend zu elektrifizieren, braucht Wasserstoff. Genau dort positioniert sich ITM Power mit DB Systemtechnik.
Der zeitliche Zusammenhang zur Lingen-Meldung ist kein Zufall, sondern folgt einer Logik: Erst der Beweis, dass die Technologie im industriellen Maßstab funktioniert, dann die Erweiterung auf neue Anwendungsfelder. Auch die im Juni verkündete Partnerschaft mit Protium Green Solutions für industrielle Großanlagen in Großbritannien passt in dieses Muster.
Der ITM-Power-Chef Dennis Schulz sprach damals von komplementärer Expertise – von der Anlagenlieferung bis zur Investition. Es ist ein Muster, das sich wiederholt: ITM Power sucht Partner, die das jeweils fehlende Puzzleteil liefern, statt jede Wertschöpfungsstufe selbst aufzubauen.
Die Aktie folgt diesem Fortschritt nicht
Wer den Kursverlauf betrachtet, sieht davon wenig. Das Papier schloss am Freitag bei 1,21 Euro, ein Minus von 1,1 Prozent auf Wochensicht. Der Abstand zum 52-Wochen-Hoch von 2,58 Euro beträgt satte 53 Prozent – trotz eines Jahresplus von 67 Prozent, das vor allem aus der Erholung vom Februar-Tief bei 0,648 Euro stammt.
Die Aktie notiert derzeit unter ihrem 50-Tage-Durchschnitt von 1,29 Euro, aber über dem 200-Tage-Durchschnitt von 1,14 Euro – ein Bild, das eher Konsolidierung als klaren Trend zeigt.
Diese Diskrepanz zwischen operativem Fortschritt und Kursreaktion ist typisch für Unternehmen, die an der Schnittstelle von Technologie und Infrastrukturpolitik arbeiten. Investoren honorieren Meilensteine wie Lingen kurzfristig, verlieren dann aber das Interesse, wenn keine unmittelbaren Umsatzzahlen folgen.
Eine Partnerschaft mit DB Systemtechnik zahlt sich nicht im nächsten Quartalsbericht aus, sondern erst, wenn aus der Machbarkeitsstudie ein Auftrag wird – falls überhaupt.
Auch die im April angekündigte und im Juli formell zugesagte Förderung von 46,5 Millionen Pfund durch das britische Ministerium DESNZ gehört in dieses Bild langfristiger Weichenstellungen ohne sofortige Kurswirkung. Staatliche Förderung signalisiert politisches Vertrauen in die Technologie, verändert aber nicht über Nacht die Gewinnmarge.
Was bleibt, ist ein Unternehmen, das sich systematisch in mehrere Richtungen gleichzeitig ausdehnt: Industrieanlagen mit Protium, Schienenverkehr mit DB Systemtechnik, Förderprojekte mit dem britischen Staat. Ob sich daraus ein tragfähiges Geschäftsmodell formt, wird sich nicht an einem einzelnen Datum entscheiden, sondern daran, wie viele dieser Absichtserklärungen tatsächlich zu Aufträgen reifen.
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