Fünf Rohstoffe, fünf Richtungen: Während Kaffee an einem einzigen Tag knapp sechs Prozent zulegt, stürzen Brent und WTI auf Dreimonatstiefs. Gold wartet auf Kevin Warshs erste Pressekonferenz als Fed-Chef. Und Silber sucht nach dem Allzeithoch noch immer einen Boden. Selten war der Rohstoffmarkt so zerrissen wie an diesem Mittwoch.

Gold: Alles dreht sich um Warshs Debüt

Gold hält sich über der Marke von 4.300 Dollar — tut sich aber schwer, die Wochengewinne auszubauen. Der Grund liegt weniger im Kurs selbst als in dem, was heute Abend passiert. Um 20:00 Uhr MESZ gibt die Fed ihre Zinsentscheidung bekannt. Die Futures-Märkte preisen mit 97-prozentiger Wahrscheinlichkeit keine Änderung ein.

Trotzdem birgt der Termin Sprengkraft. Kevin Warsh gibt seine erste Pressekonferenz als Notenbankchef. Der aktualisierte Dot-Plot könnte eine wachsende Kluft zwischen Markterwartungen und Fed-Projektionen offenlegen. Bank of America hält es für möglich, dass mindestens drei der zwölf stimmberechtigten FOMC-Mitglieder sogar Zinserhöhungen für den Rest des Jahres einpreisen.

Der Leitzins liegt seit Januar unverändert bei 3,50 bis 3,75 Prozent. Die letzte Senkung erfolgte im Dezember 2025. Gold hat seit seinem Rekordhoch bei 5.594 Dollar kräftig korrigiert, als die Märkte eine hawkishere Warsh-Fed einzupreisen begannen. Die großen Häuser bleiben dennoch optimistisch:

  • Goldman Sachs: 5.400 Dollar Jahresziel
  • JPMorgan: rund 6.000 Dollar
  • Morgan Stanley: 5.200 Dollar
  • UBS: 5.500 Dollar

Alle Kursziele liegen 25 bis 44 Prozent über dem aktuellen Niveau. Warshs Ton heute Abend entscheidet, ob sich die Erholung fortsetzen kann — oder ob die nächste Korrekturwelle anrollt.

Silber: Strukturdefizit gegen Preisverfall

Silber kehrte zuletzt mit einem Tagesplus von drei Prozent über die Schwelle von 70 Dollar zurück. Eine Erholung, die sich bescheiden ausnimmt angesichts des Allzeithochs von 121,64 Dollar im Januar 2026. Das Gold-Silber-Ratio hat sich vom Tief bei 43 auf rund 62 ausgeweitet — ein klares Zeichen dafür, dass Silber stärker korrigiert hat als Gold.

Fundamental bleibt das Bild intakt. Rund 50 Prozent der globalen Silbernachfrage entfallen auf industrielle Anwendungen: Solarmodule, Elektronik, Medizintechnik. Die aktuelle Silver Survey des Silver Institute prognostiziert für das laufende Jahr das sechste Angebotsdefizit in Folge — ein Fehlbetrag von 46,3 Millionen Unzen. Die zertifizierten Bestände an der ICE fielen Anfang Juni auf den tiefsten Stand seit sechs Monaten.

Kurzfristig bremst allerdings die schwächere Investmentnachfrage. UBS hat ihre Prognosen deutlich gesenkt: Ende Juni und September jeweils 85 Dollar, Ende Dezember 80 Dollar, März 2027 nur noch 75 Dollar. Als Gründe nennt die Schweizer Bank gedämpfte Investmentzuflüsse, schwächere industrielle Nutzung und steigende Minenversorgung. Ein Spagat zwischen langfristigem Knappheitssignal und kurzfristiger Ernüchterung.

Brent Crude: Vier Verlusttage — Kriegsprämie schmilzt dahin

Die Ölsorte Brent hat am Dienstag den vierten Verlusttag in Folge eingefahren und ist auf rund 79 Dollar pro Barrel gefallen. Allein am Montag ging es 4,8 Prozent nach unten, am Dienstag nochmals über drei Prozent. Innerhalb eines Monats hat Brent knapp 30 Prozent an Wert verloren.

Der Auslöser ist klar identifizierbar: Das Friedensabkommen zwischen den USA und dem Iran sieht die endgültige Wiedereröffnung der Straße von Hormus vor. Erste Tanker passieren die Meerenge bereits wieder. Die frische Versorgung aus der Region soll Raffinerien weltweit auffüllen, unterstützt durch höhere Exportquoten der OPEC+ und gesteigerte Produktion der Vereinigten Arabischen Emirate.

Goldman Sachs hat seine Brent-Prognose für das vierte Quartal 2026 von 90 auf 80 Dollar gesenkt. Die Bank erwartet, dass sich die Exporte aus dem Persischen Golf bis Ende Juli normalisieren — einen Monat früher als zuvor angenommen. Die Bandbreite der Szenarien bleibt enorm: Bei erneuten Störungen der Schifffahrtsrouten könnte Brent Ende 2026 über 130 Dollar steigen. Bei frühzeitiger Normalisierung und schwacher Nachfrage droht ein Rückfall unter 70 Dollar.

Rohöl WTI: Ausverkauf drückt Preis auf 15-Wochen-Tief

WTI vollzieht den gleichen Sturzflug wie Brent, nur noch schärfer. Der Preis fiel um über sechs Prozent auf 75,50 Dollar — den niedrigsten Stand seit der ersten Märzwoche. Damit ist der Großteil des durch den Nahost-Konflikt ausgelösten Preisanstiegs ausgelöscht.

Die Mechanik dahinter: WTI baut seine Kriegsprämie in Rekordtempo ab. Die US-Strategischen Erdölreserven waren zuvor auf ein 43-Jahres-Tief gefallen. Gleichzeitig wird die iranische Produktion voraussichtlich die chinesischen Ölvorräte auffüllen, die in den vergangenen Monaten stark geschrumpft waren.

Goldman Sachs erwartet für WTI im vierten Quartal 2026 durchschnittlich 75 Dollar und einen weiteren Rückgang auf 70 Dollar im Jahr 2027. Technisch hat der Kurs die Swing-Low-Unterstützung bei 75,62 Dollar durchbrochen. Die Bären haben das Momentum auf ihrer Seite — eine Stabilisierung ist kurzfristig nicht in Sicht.

Kaffee: Sechs Prozent Plus nach Starkregen in Brasilien

Kaffee schlägt heute alle anderen Rohstoffe aus dem Feld. Arabica kletterte am Dienstag auf 274,35 US-Cent pro Pfund — ein Tagesplus von knapp sechs Prozent. Heftige Regenfälle in den zentralen Anbaugebieten Brasiliens verzögern die laufende Ernte und schüren Sorgen um die Bohnenqualität.

Die kurzfristige Rallye steht im Kontrast zur Jahresentwicklung. Gemessen am Hoch von rund 387 US-Cent im Januar 2026 liegt der aktuelle Kurs fast 29 Prozent im Minus. Der Markt reagiert auf jede Wetterstörung überdurchschnittlich — ein Zeichen dafür, wie ausgedünnt die Liquidität auf der Unterseite geworden ist.

Zusätzlich befeuert hat den Markt in den vergangenen Tagen die offizielle Bestätigung eines El-Niño-Musters durch die japanische Wetterbehörde JMA. Händler deckten daraufhin fluchtartig Leerverkäufe ein. Auf der anderen Seite hat Brasiliens Ernteprognoseagentur Conab eine rekordverdächtige Ernte für 2026/27 von 66,2 Millionen Säcken prognostiziert. Steigende Exporte aus Vietnam und eine Erholung der ICE-Bestände mildern die Angebotsengpässe, die den Markt während eines Großteils von 2025 belasteten.

Ein Abkommen, vier verschiedene Reaktionen

Das US-Iran-Memorandum of Understanding ist der gemeinsame Nenner — aber die Reaktionen könnten unterschiedlicher kaum sein.

  • Öl reagiert am direktesten: Die schwindende Kriegsprämie drückt Brent und WTI im freien Fall nach unten.
  • Gold profitiert vom schwachen Dollar, verliert aber geopolitische Risikoprämie. Der eigentliche Kurstreiber ist heute Abend die Fed.
  • Silber bewegt sich zwischen dem strukturellen Angebotsdefizit als Boden und der kurzfristigen Korrekturstimmung nach dem Allzeithoch.
  • Kaffee entkoppelt sich vollständig vom geopolitischen Narrativ und folgt seiner eigenen Wetterlogik.

Drei Termine bestimmen den Rest der Woche

Der heutige Abend gehört Kevin Warsh. Seine Pressekonferenz — möglicherweise auch seine letzte, angesichts seiner bekannten Kritik an öffentlichen Fed-Auftritten — wird den Ton für Gold und Silber setzen.

Am Freitag steht die Unterzeichnungszeremonie des US-Iran-Memorandums in Genf an. US-Vizepräsident JD Vance und der iranische Chefunterhändler Mohammad Bagher Ghalibaf sollen teilnehmen. Die Risiken bleiben real: Feindseligkeiten könnten wieder aufflammen, Minenräumungen die Wiedereröffnung der Schifffahrtsrouten verzögern. Für Brent und WTI hängt viel davon ab, ob das Abkommen hält.

Im Kaffeemarkt richtet sich der Blick weiter nach vorn. Eine mögliche Rekordproduktion von über 80 Millionen Säcken in der Saison 2027/28 könnte den Markt langfristig entspannen — vorausgesetzt, Frost oder Dürre durchkreuzen die Pläne nicht. Ab Ende 2026 tritt zudem die EU-Entwaldungsverordnung in Kraft, ein regulatorischer Faktor, der die Angebotsseite dauerhaft unter Druck setzen könnte. Kurzfristig aber diktiert das Wetter in Minas Gerais den Rhythmus.