Ein Auftragssprung hier, ein neues Jahrestief da – der Sektor der erneuerbaren Energien erzählt derzeit fünf sehr unterschiedliche Geschichten statt einer gemeinsamen. Während Windturbinen-Hersteller von robuster US-Nachfrage profitieren, kämpfen ein Lithium-Förderer und ein Solarpark-Betreiber mit ganz eigenen Problemen. Der Blick auf fünf Werte zeigt, wie unterschiedlich Anleger die Energiewende gerade bewerten.
Sektorüberblick: Kein Gleichklang in Sicht
Nordex hat mit seinem Auftragseingang selbst optimistische Erwartungen übertroffen – trotzdem geriet die Aktie zum Wochenschluss unter Druck. Bei Vulcan Energy klaffen operativer Fortschritt und Kursverlauf so weit auseinander wie selten zuvor im Sektor. Siemens Energy wird derzeit weniger von operativen Schlagzeilen als von Stimmrechtsmitteilungen bewegt, während Energiekontor mit zunehmendem Shortseller-Interesse zu kämpfen hat. Verbio bleibt unterdessen ein Spielball der Ölpreisentwicklung im Kontext der Spannungen am Golf.
Diese Konstellation zeigt, wie fragmentiert die Stimmung im Bereich erneuerbare Energien derzeit ist – zwischen struktureller Nachfrage nach Netzinfrastruktur, Rohstoffzyklen und geopolitischen Risiken.
Siemens Energy: Bewertung wird zur eigentlichen Belastung
Die Aktie schloss am Freitag bei 152,00 Euro, ein Minus von 2,73 Prozent auf Tagessicht. Auf Wochensicht steht ein Rückgang von 9,46 Prozent zu Buche, während sich der Titel über 30 Tage noch um gut 10 Prozent verbessert hat. Seit Jahresbeginn bleibt mit knapp 24 Prozent Plus dennoch eine ordentliche Bilanz.
Vom 52-Wochen-Hoch bei 195,54 Euro, markiert im April, trennen den Titel inzwischen mehr als 22 Prozent. Der 50-Tage-Durchschnitt liegt bei 165,46 Euro – die Aktie notiert damit klar darunter, was auf eine angeschlagene kurzfristige Dynamik hindeutet. Der RSI von 42,6 signalisiert dabei weder Überkauft- noch Überverkauft-Situation, sondern eher Orientierungslosigkeit.
Statt operativer Großmeldungen prägten zuletzt regulatorische Pflichtmitteilungen das Bild. Der Vermögensverwalter Amundi meldete Anfang Juli eine Stimmrechtsschwelle bei knapp über 3 Prozent, nachdem bereits im Juni ähnliche Mitteilungen aufgetaucht waren – ein Hinweis auf laufendes Nachjustieren großer Positionen um die Drei-Prozent-Marke. Bei einem Kurs-Gewinn-Verhältnis im hohen dreistelligen Bereich bleibt viel Zuversicht eingepreist, was die Aktie anfällig für Enttäuschungen macht. RBC hatte das Kursziel zuletzt dennoch angehoben, nachdem RWE-Chef Krebber öffentlich Kritik am geplanten Kapazitätsgesetz geübt hatte.
Vulcan Energy: Milliardenfinanzierung ändert nichts am Abwärtstrend
Kaum ein Wert im Sektor zeigt eine so deutliche Diskrepanz zwischen operativem Fortschritt und Kursentwicklung wie Vulcan Energy. Am Freitag markierte das Papier bei 1,73 Euro ein neues 52-Wochen-Tief, bevor es sich leicht auf 1,78 Euro zum Handelsende erholte – ein Tagesminus von 1,49 Prozent. Seit Jahresbeginn hat die Aktie fast ein Drittel ihres Werts eingebüßt, minus 31,69 Prozent.
Vom Hoch bei 3,98 Euro aus dem Oktober vergangenen Jahres trennen den Titel mittlerweile mehr als 55 Prozent. Sowohl der 50-Tage- als auch der 200-Tage-Durchschnitt liegen deutlich über dem aktuellen Kurs, mit einem Abstand von gut 31 Prozent zur langfristigen Linie. Das signalisiert einen intakten, breiten Abwärtstrend, dem selbst positive Unternehmensmeldungen bislang nicht entgegenwirken konnten.
Dabei hat das Unternehmen zuletzt wichtige Meilensteine erreicht. Im Zentrum der Investorenaufmerksamkeit steht das Phase-Eins-Projekt „Lionheart“, für das Vulcan Energy Anfang Juni den finanziellen Abschluss mit einem milliardenschweren Finanzierungspaket erreichte. Auch institutionelle Investoren zeigen Interesse: State Street meldete Anfang Juli eine Überschreitung der Drei-Prozent-Schwelle bei den Stimmrechten.
Belastend wirkt zusätzlich ein branchenweiter Ausverkauf bei Lithium-Titeln, der mehrere internationale Förderer parallel erfasst hat. Mit einem RSI von 35,8 gilt die Aktie technisch bereits als überverkauft, bei einer annualisierten Volatilität von rund 51 Prozent bleibt der Titel aber ein Nervenkitzel. Richtungsweisend dürfte der 30. Juli werden, wenn Vulcan Energy seinen nächsten Quartalsbericht veröffentlicht – das erste ausführliche Update seit dem Finanzierungsabschluss für Lionheart.
Energiekontor: Shortseller im Anmarsch, Analysten bleiben gelassen
Bei Energiekontor sorgt weniger fehlende Nachrichtenlage als zunehmender Verkaufsdruck durch Leerverkäufer für Gesprächsstoff. Der Kurs schloss am Freitag bei 35,80 Euro, ein Minus von 2,59 Prozent. Auf Monatssicht hat die Aktie mehr als 10 Prozent verloren, seit Jahresbeginn steht ein Rückgang von rund 5 Prozent zu Buche.
Vom 52-Wochen-Hoch bei 52,40 Euro aus dem August vergangenen Jahres trennen den Titel inzwischen fast 32 Prozent. Immerhin: Zum jüngsten Jahrestief bei 30,00 Euro, erreicht Mitte März, besteht noch etwas Abstand. Der RSI von 36,9 deutet auf eine bereits fortgeschrittene Verkaufswelle hin, die sich allmählich erschöpfen könnte.
Im gesamten Sektor bauen Leerverkäufer derzeit Positionen auf, wobei ab einer Schwelle von 0,5 Prozent solche Netto-Leerverkaufspositionen im Bundesanzeiger veröffentlicht werden müssen – Energiekontor pocht öffentlich auf diese Transparenzregeln. Die Kursverluste verunsichern die Analysten dabei kaum: Mehrere Bankhäuser halten an ihren Kaufempfehlungen fest, mit Zielkursen, die deutlich über dem aktuellen Niveau liegen. Sie verweisen auf die robuste Projektpipeline, die Ende März ein Volumen von über 650 Megawatt in Bau oder Bauvorbereitung umfasste. Der Halbjahresfinanzbericht, der im August erwartet wird, dürfte zeigen, ob sich dieser Rückenwind bereits in den Zahlen niederschlägt.
Nordex: Rekordauftrag trifft auf Gewinnmitnahmen
Nordex lieferte die mit Abstand positivste operative Nachricht im gesamten Sektor. Im zweiten Quartal verzeichnete das Unternehmen im Projektgeschäft einen Auftragseingang von gut 3.000 Megawatt – ein Plus von rund 32 Prozent gegenüber dem Vorjahreswert. Für das erste Halbjahr summieren sich die Bestellungen auf knapp 4.900 Megawatt.
Besonders bemerkenswert war die Entwicklung im US-Geschäft, wo Nordex nach eigenen Angaben einen wichtigen Meilenstein erreichte. Die Verkaufspreise blieben dabei weitgehend stabil im Vergleich zum Vorjahr, was für eine gesunde Margensituation spricht.
Trotz dieser starken operativen Basis schloss die Aktie am Freitag bei 41,04 Euro – ein Tagesminus von 4,47 Prozent nach Gewinnmitnahmen, die auf den vorangegangenen Kursanstieg folgten. Auf Wochensicht steht dadurch ein Rückgang von knapp 11 Prozent zu Buche, während sich der Titel über 30 Tage noch um fast 9 Prozent verbessert hat. Seit Jahresbeginn bleibt mit einem Plus von über 36 Prozent dennoch die klar beste Bilanz im Vergleich der fünf Werte, auf Zwölfmonatssicht sogar mehr als eine Verdoppelung.
Vom 52-Wochen-Hoch bei 51,10 Euro, erreicht Ende April, trennen die Aktie inzwischen knapp 20 Prozent – Raum für eine Erholung ist also vorhanden. Jefferies und Berenberg bestätigten zuletzt ihre Kaufempfehlungen mit deutlich höheren Kurszielen, während Oddo BHF neutral blieb. Die vollständigen Halbjahreszahlen mit Umsatz und Ergebnis will Nordex am 29. Juli vorlegen – dann zeigt sich, ob sich die starke Auftragsdynamik auch in der Marge niederschlägt.
Verbio: Ölpreis bleibt der entscheidende Taktgeber
Bei Verbio bleibt der Ölpreis der wichtigste Kurstreiber. Die Aktie schloss am Freitag bei 30,40 Euro, ein Plus von 2,63 Prozent – nach einem deutlichen Rücksetzer in den Tagen zuvor, der einen Großteil der seit März aufgelaufenen Gewinne aus der Ölpreis-Rally im Zuge des Iran-Konflikts wieder abgegeben hatte. Auf Wochensicht bleibt der Titel mit gut 1,6 Prozent im Minus.
Seit Jahresbeginn steht dennoch ein Plus von mehr als 36 Prozent zu Buche, auf Zwölfmonatssicht sogar von über 141 Prozent – kein anderer Wert im Vergleich der fünf Titel legte über diesen Zeitraum stärker zu. Vom Jahreshoch bei 46,98 Euro, markiert Ende März, trennen die Aktie inzwischen aber mehr als 35 Prozent.
Am Golf flammen die Spannungen erneut auf, was den Titel grundsätzlich stützen könnte – ein klarer, kräftiger Aufwärtstrend beim Ölpreis fehlt derzeit aber noch. Fundamental steht das Unternehmen deutlich besser da als noch vor Monaten: Die Prognose für das laufende Geschäftsjahr wurde mehrfach angehoben und sieht inzwischen ein Ergebnis vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen zwischen 160 und 180 Millionen Euro vor. Bei einem Forward-KGV im Bereich von 70 ist allerdings bereits viel Zukunft eingepreist, und mit einer annualisierten Volatilität von mehr als 50 Prozent bleibt der Titel ein Wert für risikobereite Anleger. Der Jahresfinanzbericht im September dürfte zeigen, ob die angehobene Prognose Bestand hat.
Sektordynamik: Drei Geschwindigkeiten
Die fünf Werte lassen sich derzeit in unterschiedliche Tempi einteilen:
- Spitzengruppe – Nordex: Rekordauftragseingang, stabile Preise, positiver Analystenkonsens trotz kurzfristiger Gewinnmitnahmen.
- Mittelfeld – Siemens Energy und Energiekontor: strukturell intakte Geschäftsmodelle, belastet durch hohe Bewertung beziehungsweise Shortseller-Druck, Analysten bleiben aber überwiegend positiv.
- Hohe Schwankungsbreite – Vulcan Energy und Verbio: aus unterschiedlichen Gründen unter Druck – bei Vulcan Energy dominiert der Lithium-Sektor-Ausverkauf trotz gesicherter Finanzierung, bei Verbio bestimmt die geopolitische Großwetterlage den Kursverlauf stärker als die operative Verbesserung.
Diese Termine könnten den Sektor bewegen
In den kommenden Wochen richten sich die Blicke auf mehrere Fixpunkte. Nordex legt am 29. Juli seine detaillierten Halbjahreszahlen vor, die zeigen sollen, ob sich die Auftragsdynamik auch in Marge und Ergebnis niederschlägt. Vulcan Energy steht einen Tag später mit dem Quartalsbericht vor einem ähnlich wichtigen Test – hier entscheidet sich, ob Budget und Zeitplan für Lionheart eingehalten werden.
Energiekontor veröffentlicht den Halbjahresfinanzbericht voraussichtlich im August, während bei Verbio kurzfristig weiterhin der Ölpreis und die Lage am Golf die Richtung vorgeben dürften. Für Siemens Energy bleibt die hohe Bewertung der zentrale Risikofaktor, der bei jeder neuen Nachricht zu Wachstum oder Marge besonders genau geprüft werden dürfte.
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