Silber notiert zur Wochenmitte bei rund 77 Dollar je Feinunze — weit entfernt vom Allzeithoch über 121 Dollar, das das Edelmetall im Januar 2026 markierte. Was auf den ersten Blick wie eine gewöhnliche Konsolidierung wirkt, verbirgt eine ungewöhnliche Spannung: Während die Terminmärkte im Westen nachgeben, zahlen Käufer in Shanghai einen Aufschlag von über 12 Prozent auf den Weltmarktpreis.

Metall fließt nach Osten

Der Preisunterschied ist kein akademisches Detail. Silber notierte in Shanghai zeitweise bei umgerechnet über 85 Dollar — das macht Arbitrage lukrativ und treibt physisches Metall aus westlichen Tresoren in Richtung Asien. Sowohl die COMEX-Lagerbestände als auch die Bestände in Shanghai gelten als physisch angespannt. Marktbeobachter weisen darauf hin, dass die offenen Kontrakte an den Terminmärkten die tatsächlich verfügbaren Bestände in registrierten Lagern massiv übersteigen.

Diese Schere zwischen Papiermarkt und physischer Realität ist das eigentliche Thema hinter den aktuellen Kursbewegungen.

Peking und Neu-Delhi verschärfen die Lage

China kontrolliert schätzungsweise 60 bis 70 Prozent der globalen Raffineriekapazitäten für Silber. Seit Jahresbeginn 2026 hat Peking die Ausfuhrbestimmungen drastisch verschärft — mit direkten Folgen für die weltweite Verfügbarkeit des Metalls. Indien, ebenfalls ein bedeutender Importeur, erhöhte die Einfuhrzölle auf Gold und Silber auf 15 Prozent und verschärfte die Genehmigungspflichten. Beide Maßnahmen zusammen behindern den freien Fluss des Metalls und verfestigen die physische Knappheit in anderen Regionen — auch wenn die Papierpreise fallen.

Fed-Kurs belastet kurzfristig

Hartnäckige Inflationsdaten aus den USA dämpfen die Erwartungen an baldige Zinssenkungen. Das stützt den Dollar und hält die Anleiherenditen auf hohem Niveau. Silber als zinslose Anlage verliert in diesem Umfeld an Attraktivität — ein klassischer Zusammenhang, der den Terminmarkt kurzfristig belastet.

Technisch gilt die Zone um 75 Dollar als nächste Unterstützung. Hält sie, könnte die strukturell starke Industrienachfrage aus Photovoltaik, Elektromobilität und KI-Infrastruktur stabilisierend wirken. Bricht das Niveau, droht weiterer Verkaufsdruck — während das physische Metall in Asien weiter knapp bleibt.