Starke Nachfrage der Investoren, flüchtende Industriekunden. Beim Silberpreis klaffen Realität und Marktstruktur derzeit weit auseinander. Das Edelmetall pendelt aktuell in einer engen Spanne um die Marke von 60 bis 62 US-Dollar. Im Hintergrund vollzieht sich indes ein radikaler Wandel in der Solarbranche.
Solarindustrie sucht nach Alternativen
Die industrielle Verarbeitung des Edelmetalls sinkt in diesem Jahr auf ein Vierjahrestief. Der Gesamtwert fällt auf voraussichtlich 650 Millionen Feinunzen. Haupttreiber für diesen Rückgang ist die Photovoltaik. Modulhersteller kappen ihren Silberverbrauch drastisch um rund 19 Prozent.
Der Kostendruck zwingt die Unternehmen zum Handeln. Silber macht mittlerweile knapp ein Drittel der gesamten Modulkosten aus. Chinesische Produzenten treiben den Wandel zu günstigeren Materialien massiv voran. LONGi Green Energy startet im zweiten Quartal die Massenproduktion kupfer-metallisierter Zellen. Aiko Solar skaliert parallel dazu silberfreie Module im großen Stil.
Defizit trotz schwacher Industrie
Eine paradoxe Situation. Trotz der schwindenden Solar-Nachfrage wächst das globale Angebotsdefizit. Der Markt steuert auf eine Lücke von über 46 Millionen Unzen zu. Das markiert das sechste Defizit-Jahr in Folge.
Der Grund liegt in der starren Minenproduktion. Rund 70 Prozent des weltweiten Silbers fallen lediglich als Nebenprodukt beim Abbau anderer Metalle an. Höhere Preise locken daher kaum neues Angebot auf den Markt.
Während die Industrie spart, greifen Anleger kräftig zu. Die physische Investmentnachfrage zeigt eine bemerkenswerte Stärke. Sie steigt laut dem Silver Institute um 20 Prozent. Das entspricht einem Dreijahreshoch von 227 Millionen Unzen. Die schwache Industrieproduktion trifft also auf hungrige Investoren.
Technik und Recycling bremsen Entlastung
Ein technischer Widerspruch drosselt den Substitutionserfolg der Solarbauer. Neue, effizientere Zelltechnologien wie TOPCon benötigen anderthalbmal mehr Silber als das alte PERC-Design. Bei sogenannten SHJ-Zellen verdoppelt sich der Bedarf sogar. Diese Entwicklung fängt die Einsparungen teilweise wieder auf.
Auch das Recycling bietet kaum Entlastung. Jedes ausgemusterte Panel enthält bis zu 25 Gramm Silber. Bisher gelangen allerdings weniger als zehn Prozent der alten Anlagen in formelle Recyclingkanäle. Die Prozesse sind schlicht zu arbeits- und energieintensiv.
Der Silbermarkt bleibt somit in seiner strukturellen Knappheit gefangen. Die sinkende Photovoltaik-Nachfrage federt den Preisdruck kurzfristig ab. Die unelastische Minenproduktion zementiert das Defizit jedoch auch für die kommenden Monate. Ein Ausgleich der Angebotslücke ist im sechsten Defizit-Jahr in Folge nicht in Sicht.
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