Silber rutscht ab. Am 19. Juli fiel der Preis auf 55,83 US-Dollar je Feinunze. Das ist der tiefste Stand seit acht Monaten.

Der Rückgang trifft ein Metall, das eigentlich von einem strukturellen Mangel profitieren sollte. Innerhalb eines Monats verlor Silber 14,18 Prozent. Allein in der vergangenen Woche waren es 6,70 Prozent. Noch am Montag notierte die Feinunze über 56 US-Dollar.

Iran-Konflikt treibt Ölpreis und Zinserwartungen

Der Auslöser liegt nicht im Silbermarkt selbst. Die USA und der Iran eskalieren ihren Konflikt, und die Ölpreise reagieren heftig. Brent-Rohöl kletterte zeitweise über 90 US-Dollar pro Barrel. Binnen einer Woche legte der Ölpreis um etwa 16 Prozent zu.

Steigende Energiekosten schüren Inflationssorgen. Die Märkte preisen mittlerweile eine Wahrscheinlichkeit von rund 53 Prozent für eine Zinserhöhung der US-Notenbank im September ein. Ein Fed-Vertreter deutete an: Sollte der Preisdruck durch den Nahost-Konflikt nicht nachlassen, könnten weitere Zinsschritte nötig werden.

Höhere Zinsen schaden Silber gleich doppelt. Sie stärken den US-Dollar, was das Metall für Käufer außerhalb der Dollar-Zone verteuert. Zudem verlieren zinslose Anlagen wie Edelmetalle an Attraktivität, wenn Anleihen wieder mehr abwerfen. Die US-Wirtschaftsdaten für Juni fielen dabei uneinheitlich aus: Verbraucher- und Erzeugerpreise sanken, die Importpreise stiegen dagegen überraschend.

Sechstes Defizit-Jahr in Folge

Während der Kurs fällt, bleibt die fundamentale Lage angespannt. Das Silver Institute rechnet für 2026 mit dem sechsten Angebotsdefizit in Folge. Die Prognose liegt bei 46,3 Millionen Feinunzen — die Nachfrage übersteigt das Minenangebot damit weiterhin deutlich.

Silber ist längst mehr als ein Krisenmetall. Solarmodule brauchen große Mengen davon, ebenso Elektrofahrzeuge, Halbleiter und 5G-Netze. Auch die KI-Infrastruktur mit ihren wachsenden Rechenzentren zählt zu den Nachfragetreibern.

Metals Focus erwartet für 2026 zwar einen leichten Rückgang der industriellen Verarbeitung. Der Grund: Photovoltaik-Hersteller sparen zunehmend Material ein. Langfristig bleiben Stromnetze, Fahrzeugbau und Rechenzentren aber zentrale Wachstumsfelder für den Silberverbrauch.

Gold-Silber-Verhältnis signalisiert Unterbewertung

Ein Blick auf das Verhältnis zu Gold zeigt eine mögliche Diskrepanz. Am 20. Juli lag die Relation bei rund 70,7 zu 1, eine Woche zuvor noch bei 69,2 zu 1. Historisch bewegt sich dieser Wert seit 50 Jahren meist zwischen 50 und 80 zu 1.

Das aktuelle Niveau liegt damit nahe der oberen Grenze. Das spricht für eine relative Unterbewertung von Silber gegenüber Gold.

Die langfristigen Preisprognosen großer Häuser haben sich trotz des Rückgangs kaum verändert. Der LBMA Precious Metals Forecast Survey sieht Silber 2026 im Schnitt bei 79,57 US-Dollar. JPMorgan kalkuliert mit 81 US-Dollar, HSBC mit rund 75 US-Dollar. Goldman Sachs hält sogar 85 bis 100 US-Dollar für erreichbar, sofern die industrielle Nachfrage stabil bleibt.

Die Spanne zwischen aktuellem Kurs und diesen Zielen ist beträchtlich. Ob sie sich schließt, hängt maßgeblich davon ab, wie sich der Iran-Konflikt und die Fed-Zinspolitik in den kommenden Wochen entwickeln.