Silber konsolidiert um die 59-Dollar-Marke. Unter der Oberfläche schrumpfen die physischen Lagerbestände an der Terminbörse COMEX. Genau dieses Detail beschäftigt Marktteilnehmer gerade mehr als der Tageskurs.
Lagerbestände bleiben knapp
COMEX-Lagerhäuser halten mit Stand 24. Juli 2026 insgesamt 330,9 Millionen Feinunzen Silber. Davon gelten 96,2 Millionen Unzen als registriert, 234,7 Millionen Unzen tragen den Status „eligible“. Der Gesamtbestand liegt historisch betrachtet weiterhin niedrig, stieg zuletzt aber um 0,6 Millionen Unzen.
Einzelne Tageswerte sagen wenig aus. Entscheidend ist der mehrwöchige Trend. Ein Vergleich der Bestände mit dem Open Interest zeigt zudem, wie stark der Markt gehebelt ist: Sinken die Lagerbestände, während der Open Interest steigt, wächst der Druck auf das physische Angebot.
Die Gold-Silber-Ratio warnt
Mitte Juli fiel Silber um 1,4 Prozent auf 57,84 Dollar. Gold blieb nahezu unverändert. Die Gold-Silber-Ratio kletterte dadurch auf 70:1 – nahe dem oberen Ende der Spanne der vergangenen zwei Jahre.
Ein Blick in die Geschichte relativiert diesen Wert. Die Ratio schwankte in der Vergangenheit zwischen rund 30:1 in engen Phasen und 127:1 im Extremfall. Diesen Höchststand erreichte sie im März 2020 während der COVID-19-Panik. Bei 70:1 gilt das Verhältnis daher noch nicht als extrem.
Der Grund für Silbers relative Schwäche liegt in der Nachfragestruktur. Silber hat zwei Antriebe: Anlagenachfrage und Industrienachfrage. Laut dem World Silver Survey 2026 des Silver Institute entfallen rund 58 Prozent der gesamten Nachfrage auf industrielle Anwendungen. Dazu zählen Solarmodule, Halbleiter, Elektrofahrzeug-Komponenten und Medizintechnik.
Dieser industrielle Motor koppelt Silber an das globale Wirtschaftswachstum. Fürchten Anleger höhere Zinsen und schwächeres Wachstum, trübt sich die Nachfrage-Prognose sofort ein.
Das strukturelle Defizit hält an
Am Angebot hat sich trotz der Kursschwäche seit dem Januar-Hoch wenig geändert. Das Silver Institute bestätigte im World Silver Survey 2026 das sechste Angebotsdefizit in Folge. Es beträgt 46,3 Millionen Unzen.
Seit 2021 summieren sich die Bestandsabbauten auf rund 762 Millionen Unzen. Das entspricht etwa neun Monaten der weltweiten Minenproduktion. Kurz gesagt: ein strukturelles Problem, kein vorübergehendes.
Auch die Produktionsseite bewegt sich kaum. Analysten schätzen die Minenproduktion 2026 auf 844,1 Millionen Unzen – praktisch unverändert zum Vorjahr. Der Grund: Rund 74 Prozent des Silbers fallen als Nebenprodukt der Kupfer-, Blei- und Zinkförderung an. Diese Minenbetreiber richten sich nach den Preisen der Basismetalle, nicht nach dem Silberpreis. Steigende Silberpreise lösen deshalb bislang keine zusätzliche Förderung aus.
Institutionelle Ziele bleiben stabil
Trotz der jüngsten Kursschwankungen haben große Häuser ihre Prognosen kaum angepasst. JPMorgan hält an seinem Basisszenario von 81 Dollar je Unze für 2026 fest. Das entspräche beim aktuellen Goldpreis einer Ratio von rund 50:1. Der Analystenkonsens der LBMA liegt für 2026 bei 79,57 Dollar je Unze.
Knappe, leicht wachsende COMEX-Bestände treffen damit auf eine erhöhte Gold-Silber-Ratio und ein unverändertes Angebotsdefizit. Kurzfristige Kursschwankungen und langfristige Angebotsknappheit bestehen aktuell nebeneinander – ohne dass eine der beiden Kräfte bislang die Oberhand gewinnt.
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