Silber verliert seine Rolle als Krisenwährung. Selbst eine Eskalation im Nahen Osten kann den Preis diese Woche nicht stützen. Stattdessen rutscht das Edelmetall auf ein Wochenminus von über 7 Prozent zu.

Am Freitag pendelt der Silberpreis um die Marke von 55,50 US-Dollar. Damit konsolidiert er nach einer Woche massiver Verluste auf niedrigem Niveau. Auffällig ist vor allem eine andere Zahl: Das Gold-Silber-Verhältnis klettert auf 70,7 zu 1. Das ist der höchste Stand seit zwei Jahren.

Die Kennzahl zeigt, wie stark Silber gegenüber Gold gerade zurückbleibt. Gold hält sich im schwierigen Umfeld deutlich stabiler.

Fed-Aussagen drücken auf den Kurs

Der Auslöser für die Schwäche liegt in Washington. Fed-Vizechef Philip Jefferson äußerte sich am 16. Juli zur Zinspolitik. Er hält eine stabile Zinspolitik aktuell für angemessen. Allerdings schloss er weitere Erhöhungen nicht aus, sollte die Inflation nicht nachhaltig sinken.

Dallas-Fed-Präsidentin Lorie Logan lieferte einen weiteren Grund zur Sorge. Sie warnte vor neuen Inflationsrisiken durch den KI-Investitionsboom. Steigende Strompreise für Rechenzentren könnten kurzfristig die Preise treiben, bevor sich Produktivitätsgewinne zeigen.

Für Silber ist das ein Problem. Als zinslose Anlage reagiert das Metall besonders empfindlich auf steigende Realzinsen. Die Aussicht auf eine womöglich länger straffe Geldpolitik lastet entsprechend schwer auf dem Kurs.

Iran-Eskalation bringt keinen Schutz

Eigentlich müsste Silber von geopolitischen Krisen profitieren. Genau das bleibt diese Woche aus. Nach Berichten über US-Angriffe nahe iranischer Exportterminals und Teherans Drohung, das Rote Meer zu blockieren, suchten Anleger tatsächlich Sicherheit.

Sie wählten dafür jedoch den US-Dollar, nicht Silber. Die Dollar-Stärke bremst das in der US-Währung gehandelte Metall zusätzlich.

Der Ölpreis zog wegen der Versorgungsängste kräftig an. Das schürte neue Inflationssorgen und bestärkte die Erwartung einer straffen Fed-Politik. Damit verliert Silber im Vergleich zu verzinsten Staatsanleihen an Attraktivität. Marktbeobachter sprechen von einer ungewöhnlichen Entkoppelung: Der starke Dollar und die Zinsangst neutralisieren die Funktion von Silber als Fluchtwährung.

China drosselt die Minenproduktion

Auf der Angebotsseite bleibt die Lage angespannt. Aktuelle Meldungen aus China deuten auf eine gedrosselte Minenproduktion hin. Grund sind verschärfte Sicherheitsvorschriften nach einer Reihe von Inspektionen.

China zählt zu den größten Silberproduzenten weltweit. Produktionskürzungen treffen dort auf einen Markt, der sich bereits im sechsten Jahr in Folge in einem strukturellen Defizit befindet.

In der Photovoltaik-Industrie sparen Hersteller inzwischen gezielt Silber ein. Dieses „Thrifting“ drückt die Nachfrage in diesem Segment. Andere High-Tech-Bereiche gleichen das jedoch aus: Halbleiterfertigung für KI-Infrastruktur und Komponenten für Elektrofahrzeuge stützen den physischen Bedarf weiterhin.

Entscheidend wird die Marke von 55,70 Dollar

Charttechnisch rückt jetzt eine Unterstützung bei 55,70 US-Dollar in den Fokus der Trader. Unterschreitet Silber diese Marke dauerhaft, öffnet sich der Weg für weitere Korrekturen. Hält sich der Preis darüber, könnte das als erstes Zeichen einer Bodenbildung gelten.

Das Zweijahreshoch beim Gold-Silber-Verhältnis liefert dazu eine klare Botschaft: Anleger behandeln Silber derzeit vor allem als Industriemetall, weniger als monetären Schutz. Ob sich das ändert, entscheidet sich an den kommenden US-Inflationsdaten und der Fed-Sitzung Ende Juli. Sie werden zeigen, ob der Zinsgipfel tatsächlich schon erreicht ist.