Der Silbermarkt steuert auf sein sechstes Angebotsdefizit in Folge zu. Das Silver Institute und Metals Focus prognostizieren für das laufende Jahr eine Lücke zwischen 46 und 67 Mio. Unzen. Der Silberpreis notierte am Freitag bei 69,01 US-Dollar, ein Plus von 1,3 Prozent, und hat sich innerhalb von sieben Tagen um 6,5 Prozent verteuert.

Lagerbestände und Importe unter Druck

Ein zentraler Treiber der angespannten Lage: Die India International Bullion Exchange verzeichnete im August den Import von 89,81 Tonnen Silber, nachdem neue Lizenzvorschriften die Einfuhren zuvor sechs Monate lang blockiert hatten. Der Nachholbedarf des weltgrößten Silberkonsumenten trifft auf ein ohnehin knappes Angebot.

Parallel dazu bleibt der physische Puffer an den Terminmärkten dünn. Die registrierten Silberbestände in den COMEX-Lagerhäusern lagen zum 19. August bei 99,5 Mio. Unzen. Trotz eines leichten Zuwachses gegenüber dem Vorbericht gilt dieses Niveau als historisch gering gemessen an den möglichen Auslieferungsverpflichtungen.

Zusätzliche Risiken entstehen auf der Minenseite. Ein im August begonnener Blockadestreik legte den Betrieb von Endeavour Silver an der Terronera-Mine in Mexiko vorübergehend still.

Americas Gold and Silver meldete dagegen für das zweite Quartal einen Umsatzanstieg von 71 Prozent auf 46 Mio. US-Dollar, getragen von einer um 26 Prozent gestiegenen Silberproduktion am Standort Cosalá dank des neu angelaufenen EC120-Erzkörpers.

Der CEO des Silver Institute, Michael DiRienzo, bestätigte zudem, dass die industrielle Nachfrage durch KI-Infrastruktur und Photovoltaik trotz Effizienzsteigerungen stabil bleibt, während die weltweite Minenproduktion 2026 voraussichtlich um 0,3 Prozent sinkt.

Geopolitik und Zinspolitik als Verstärker

Zur angebotsseitigen Enge kommt eine Nachfragekomponente aus der Geopolitik. Anhaltende Spannungen im Nahen Osten und der Krieg in der Ukraine stützen laut Marktberichten die Nachfrage nach Silber als sicherem Hafen. Gleichzeitig setzen Spekulationen über eine US-Zinssenkung im September den US-Dollar unter Druck, was Edelmetalle für Investoren attraktiver macht.

Die veröffentlichten Protokolle der Juli-Sitzung der Federal Reserve zeigten am Donnerstag eine gespaltene Notenbank: Neun Mitglieder votierten für eine Beibehaltung der Zinsen, drei dagegen. Diese Uneinigkeit dürfte die Volatilität bei unverzinsten Edelmetallen wie Silber vor dem Jackson-Hole-Symposium weiter erhöhen.

Analysten uneins über die weitere Richtung

Die Einschätzungen der Investmentbanken zum weiteren Preisverlauf gehen deutlich auseinander. J.P. Morgan senkte am 18. August das durchschnittliche Preisziel für 2026 von zuvor 84 auf 70 US-Dollar und rechnet für das vierte Quartal sogar nur mit 63 US-Dollar. Als Begründung nennen die Analysten eine mögliche Beschleunigung der Silber-Substitution in der Solarindustrie.

Deutlich optimistischer bleibt Citi: Die Bank bekräftigte am 13. August ein Kursziel von 90 US-Dollar, allerdings unter der Bedingung, dass die Investorenzuflüsse in Exchange Traded Products wieder das Niveau von 2025 erreichen und der Zinsdruck nachlässt.

Der Silberpreis bewegt sich damit im Spannungsfeld zwischen physischer Knappheit und divergierenden Preiszielen der Analysten. Mit einem Zwölf-Monats-Plus von 81 Prozent hat das Edelmetall bereits eine beachtliche Rally hinter sich – ob sie sich fortsetzt, hängt maßgeblich davon ab, ob das prognostizierte Angebotsdefizit die Investorennachfrage tatsächlich übertrifft.