Geopolitische Krisen treiben Anleger normalerweise in Edelmetalle. Beim aktuellen US-Iran-Konflikt läuft dieser Mechanismus rückwärts. Silber fiel am Donnerstag auf den tiefsten Stand seit dem 23. März — auf rund 63 Dollar je Unze.

Hormuz-Schock trifft Inflationsdaten

Der Auslöser ist bekannt: Die USA griffen den Iran zum zweiten Tag in Folge an. Teheran reagierte mit der Sperrung der Straße von Hormuz — auch für Öltanker und Handelsschiffe. Schiffe, die die Passage versuchen, sollen beschossen werden.

Die wirtschaftliche Wucht dieser Entscheidung ist enorm. Rund ein Fünftel des weltweit gehandelten Öls und mehr als ein Drittel des Flüssigerdgases fließen durch diesen Engpass. Energiepreise schossen hoch — und damit die Inflation.

Die US-Verbraucherpreise für Mai bestätigten den Schock. Die Gesamtinflation stieg auf 4,2 Prozent im Jahresvergleich — der höchste Wert seit April 2023, nach zuvor 3,8 Prozent. Energiekosten allein machten mehr als 60 Prozent des monatlichen Anstiegs aus.

Das Zinsparadox

Hier liegt das eigentliche Problem für Silber. Steigende Inflation erhöht den Druck auf die Federal Reserve, die Zinsen anzuheben. Höhere Zinsen machen unverzinsliche Anlagen wie Edelmetalle weniger attraktiv. Eine Zinserhöhung um einen Viertelpunkt im Dezember ist bereits vollständig eingepreist.

Die Kernrate der Verbraucherpreise — ohne Lebensmittel und Energie — stieg im Mai nur um 0,2 Prozent im Monatsvergleich, nach 0,4 Prozent im April. Das dämpft die schlimmsten Befürchtungen leicht. Dennoch flammten Zinsspekulationen vor dem nächsten FOMC-Meeting erneut auf.

Das Ergebnis: Anleger meiden Silber, obwohl der Konflikt eskaliert. Kein Wunder — die Zinslogik schlägt die Krisenlogik.

Fundamentale Stärke bleibt

Das strukturelle Bild des Silbermarktes erzählt eine andere Geschichte. Der Markt steuert auf sein fünftes Defizitjahr in Folge zu. Zwischen 2021 und 2026 summierten sich die Fehlmengen auf 820 Millionen Unzen. Eine schnelle Produktionsausweitung ist kaum möglich, weil Silber überwiegend als Nebenprodukt bei der Förderung von Kupfer, Zink oder Blei anfällt.

Trotz des jüngsten Einbruchs von mehr als 26 Prozent im vergangenen Monat liegt Silber noch rund 76 Prozent höher als vor einem Jahr. Das Allzeithoch von 121,64 Dollar stammt aus dem Januar 2026.

Am heutigen Donnerstag liefert der US-Erzeugerpreisindex den nächsten Hinweis auf den Fed-Kurs. Fällt dieser Wert ebenfalls heiß aus, dürfte der Druck auf Silber kurzfristig anhalten — unabhängig davon, wie sich die Lage am Persischen Golf entwickelt.