Berenberg hat das Schweizer Industrieunternehmen am 20. Juli 2026 erneut mit dem Votum „Hold“ und einem Kursziel von 80 Franken versehen. Die zugrunde liegende Studie datiert bereits auf den 17. Juli 2026. Die Analysten begründen ihre zurückhaltende Haltung damit, dass die jüngsten Quartalszahlen zwar die Stärke der Elektrifizierungsmärkte belegen, aber nicht ausreichen, um die Bedenken hinsichtlich der aus ihrer Sicht teuren Rotork-Übernahme zu zerstreuen.
Rotork-Deal belastet die Bewertung
ABB hatte den britischen Ventilhersteller Rotork für 4,8 Milliarden Euro übernommen. Der Kauf gilt als strategisch sinnvoll, wird von Marktbeobachtern zugleich aber als teuer eingestuft. Genau an diesem Punkt setzt Berenberg an: Die Quartalszahlen lagen im Rahmen der Erwartungen, konnten die Skepsis gegenüber dem Kaufpreis jedoch nicht auflösen. Für Anleger bedeutet das Votum, dass die operative Substanz des Konzerns von den Analysten nicht in Frage gestellt wird, die Integration und der Preis der Akquisition aber als Belastungsfaktor für die weitere Kursentwicklung gewertet werden.
Elektrifizierungsprojekt in Indien geht in die Umsetzung
Operativ liefert ABB unterdessen ein Beispiel für sein Kerngeschäft: Zusammen mit dem finnischen Technologieunternehmen Coolbrook geht der Konzern in die industrielle Lieferphase für ein RotoDynamic-Heater-Projekt beim Zementwerk von Adani Cement im indischen Bundesstaat Andhra Pradesh über. Es handelt sich um die erste industrielle Anlage dieser Art. ABB stellt dafür Antriebe, Motoren, ein E-Haus sowie ein Prozessleitsystem (DCS) bereit. Das Projekt soll die CO2-Emissionen des Werks um rund 60.000 Tonnen pro Jahr senken. Die Elektrifizierung von Zementöfen zählt zu den schwierigeren Dekarbonisierungsaufgaben der Schwerindustrie, weshalb dem Vorhaben über den Einzelauftrag hinaus Signalwirkung zukommt. Für ABB fügt sich der Auftrag in eine Reihe von Elektrifizierungsprojekten in Indien ein, einem Markt, in dem der Ausbau erneuerbarer Energien und industrieller Infrastruktur derzeit besonders dynamisch verläuft.
Kurs unter Druck, Bewertung bleibt anspruchsvoll
An der Börse zeigt sich die Zurückhaltung der Analysten auch im Kursverlauf. Die ABB-Aktie notiert aktuell bei 86,36 Euro und hat in den vergangenen 30 Tagen 8,34 Prozent an Wert verloren. Damit liegt der Titel auch unter seinem 50-Tage-Durchschnitt, der Abstand beträgt 5,21 Prozent. Der Rückgang folgt auf eine sehr starke Vorjahresphase: Auf Zwölfmonatssicht steht immer noch ein deutliches Plus, und seit Jahresbeginn hat die Aktie kräftig zugelegt. Die jüngste Schwäche relativiert diesen Lauf jedoch etwas und spiegelt die Diskussion um den Kaufpreis für Rotork wider, die auch das Berenberg-Votum prägt.
Für Anleger ergibt sich damit ein zweigeteiltes Bild. Auf der operativen Seite untermauern Aufträge wie das Adani-Cement-Projekt die Positionierung von ABB in der industriellen Elektrifizierung und Dekarbonisierung. Auf der Bewertungsseite bleibt die Rotork-Übernahme der entscheidende Unsicherheitsfaktor, den Berenberg mit seinem unveränderten „Hold“-Rating und dem Kursziel von 80 Franken deutlich macht. Wie sich die Integration des britischen Ventilherstellers finanziell niederschlägt, dürfte in den kommenden Quartalsberichten der zentrale Prüfstein für die weitere Kursentwicklung sein.
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