Ein Kurssprung von 6,19 Prozent an einem einzigen Tag klingt nach guten Nachrichten. Bei AeroVironment ist er trotzdem nur ein Nadelstich gegen einen tiefen Riss: Seit Jahresbeginn steht die Aktie mit 35,18 Prozent im Minus. Genau diese Diskrepanz zwischen einem Konzern im Umbau und einem Kurs im freien Fall wirft die zentrale Frage auf: Erlebt der Markt hier eine Wertefalle — oder die schmerzhafte Geburt eines neuen Verteidigungskonzerns?
Im Oktober 2025 markierte die Aktie noch ein Jahreshoch von 354,30 Euro. Heute notiert sie bei 138,00 Euro, gut 30 Prozent unter ihrem 200-Tage-Durchschnitt von 198,96 Euro. Diese Distanz zum langfristigen Mittelwert zeigt: Das Geschäft ist komplexer geworden. Der Kurs hat trotzdem unter der branchenweiten Abkühlung der Bewertungen im Verteidigungstech-Sektor gelitten.
Der Abschied von der Ein-Produkt-Story
Jahrelang war AeroVironment fast ausschließlich mit seinen Switchblade-Systemen verknüpft — jenen Loitering Munitions, die zum Sinnbild asymmetrischer Kriegsführung in Osteuropa wurden. Diese Geschichte erzählt heute niemand mehr allein. Die Übernahme von BlueHalo im Jahr 2025 hat den Konzern faktisch neu definiert: Aus dem Drohnenbauer wurde ein integriertes Verteidigungstechnologie-Haus.
Sichtbar wird dieser Wandel im neuen Mayhem-10-System, das AeroVironment in diesem Frühjahr vorstellte. Anders als die Vorgängermodelle ist Mayhem kein reiner Einweg-Angriffsflieger. Das System kann elektronische Kriegsführung, Aufklärung und Präzisionsschläge gleichermaßen übernehmen. Genau diese Modularität trifft den Nerv des Pentagons: Gefragt sind Systeme, die billig genug sind, um verloren zu gehen — aber technisch anspruchsvoll genug, um in den umkämpftesten Signalumgebungen der Welt zu bestehen.
Software als neues Schlachtfeld
Im Juli demonstrierte AeroVironment im Rahmen der Armee-Initiative „Operation Jailbreak“ sein Software-Ökosystem AV_Halo. Der Test bewies: Die Systeme lassen sich über offene Schnittstellen nahtlos in fremde Führungs- und Kontrollarchitekturen einbinden. Für einen Hardware-Hersteller ist das keine Nebensache, sondern ein Statement.
Im Wettlauf gegen venture-finanzierte Konkurrenten wie Anduril und Shield AI positioniert sich AeroVironment als der Stellvertreter der Börse für softwaregesteuerte Kriegsführung. Private Rivalen kommen auf gigantische Bewertungen, gestützt allein auf Zukunftsversprechen. AeroVironment dagegen hat etwas, das diese Konkurrenten nicht haben: eine bestehende Fertigung, die genau diese Fähigkeiten schon heute in Serie liefern kann.
Die Suche nach dem Boden
Bei 138,00 Euro liegt die Aktie 17,50 Prozent über ihrem 52-Wochen-Tief von 117,45 Euro — ein fragiler Boden, aber immerhin einer. Der Relative-Stärke-Index von 52,1 zeigt: Die überverkaufte Zone ist verlassen, eine überhitzte Erholung signalisiert das aber noch lange nicht. Dazwischen bewegt sich der Kurs seit Wochen, ohne klare Richtung.
Die Konsens-Erwartung der Analysten bleibt trotzdem optimistisch: Ein Kursziel von 195,99 Euro würde ein Aufwärtspotenzial von 42 Prozent bedeuten. Ob der Markt dieser Einschätzung folgt, hängt davon ab, ob Investoren AeroVironment künftig als Hardware-Anbieter oder als Softwarehaus bewerten.
Die Verteidigungsindustrie bewegt sich weg von den „exquisiten“, milliardenschweren Einzelplattformen hin zur „Masse“ autonomer Schwärme und interoperabler Software. Mit einer Marktkapitalisierung von 6,56 Milliarden Euro steht AeroVironment genau an diesem Scheideweg. Der Rückgang von 40,41 Prozent binnen zwölf Monaten hat einen Großteil des Hypes aus der Zeit nach 2024 weggespült. Übrig geblieben ist ein fundamental anderes Unternehmen — eines, das zunehmend danach beurteilt wird, wie gut es künstliche Intelligenz und elektronische Kriegsführung integriert, und immer weniger danach, wie viele Flugkörper es baut.
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