Die eigene Tochterfirma warnt vor Milliardenschäden durch Hochwasser. Die Allianz-Aktie kümmert das kaum. Sie notiert weiter nahe ihrem Rekordhoch – ein Widerspruch, der genauer hinschaut lohnt.

Allianz Trade, die Kreditversicherungssparte des Konzerns, hat eine Studie zu den wirtschaftlichen Folgen von Hochwasserereignissen veröffentlicht. Das Ergebnis ist deutlich: Private Haushalte in Deutschland könnten nach einem schweren Hochwasser besonders stark leiden.

Haushalte spüren die Folgen jahrelang

Das reale verfügbare Einkommen in Deutschland sinkt nach einem schweren Hochwasser kumuliert um rund 4,1 Prozent. Reparaturkosten, Einkommensausfälle und steigende Lebenshaltungskosten drücken die Kaufkraft über mehrere Jahre. Allianz-Klimaökonom Hazem Krichene erklärt, warum private Haushalte besonders betroffen sind: Sie tragen die Folgekosten oft ohne schnelle Entschädigung.

Die Studie rechnet zudem mit gesamtwirtschaftlichen Folgen. Ein signifikantes Hochwasserereignis könnte die deutsche Wirtschaftsleistung in den folgenden drei Jahren kumuliert um rund 108 Milliarden Euro schmälern. Das entspricht etwa 0,7 Prozent des Bruttoinlandsprodukts.

Verantwortlich dafür sind laut Studie nicht nur direkte Sachschäden. Verzögerte Investitionen, unterbrochene Produktion, gestörte Lieferketten und schwächere Nachfrage verstärken den Effekt. Deutschland verzeichnete zwischen 2000 und 2025 mit rund 69 Milliarden Euro die höchsten Hochwasserschäden in Europa – deutlich vor Italien mit 37 Milliarden Euro und Spanien mit 22 Milliarden Euro.

Prävention wirkt, aber sie kommt kaum voran

Allianz-Trade-Chef Milo Bogaerts bringt es auf den Punkt: „Hochwasser sind extrem teuer – und sie häufen sich.“ Die Studie liefert aber auch eine positive Botschaft. Jeder in Hochwasserschutz investierte Euro vermeidet Schäden in etwa vierfacher Höhe.

Die Umsetzung hinkt trotzdem hinterher. Beim Nationalen Hochwasserschutzprogramm plante der Bund seit 2013 Maßnahmen im Umfang von 6 bis 7 Milliarden Euro. Tatsächlich abgeflossen sind bislang nur etwas mehr als 500 Millionen Euro. Langwierige Genehmigungsverfahren und die komplexe Zuständigkeit zwischen Bund, Ländern und Kommunen bremsen den Fortschritt.

Ohne zusätzliche Anpassungsmaßnahmen könnten sich die jährlichen Flutschäden in der EU und im Vereinigten Königreich bis 2100 auf fast 50 Milliarden Euro versechsfachen.

Der Kurs zeigt keine Reaktion

Am Kapitalmarkt bleibt von den alarmierenden Zahlen bislang nichts zu spüren. Die Allianz-Aktie schloss am Donnerstag bei 421,00 Euro, nur 0,68 Prozent unter ihrem Anfang Juli erreichten 52-Wochen-Hoch von 423,90 Euro. Auf Sicht von 30 Tagen steht ein Plus von 10,88 Prozent zu Buche, seit Jahresbeginn liegt die Aktie 8,31 Prozent im Plus.

Der Kurs notiert 7,56 Prozent über dem 50-Tage-Durchschnitt und knapp 12 Prozent über der 200-Tage-Linie. Der 14-Tage-RSI liegt bei 74,2 Punkten – ein Wert, der eine überkaufte Marktlage signalisiert. Die annualisierte Volatilität bleibt mit 12,65 Prozent dagegen moderat.

Diese Diskrepanz zwischen Warnstudie und Kursverlauf zeigt: Investoren gewichten die operative Stärke des Konzerns aktuell stärker als langfristige Klimarisiken. Für die Allianz selbst liefern solche Studien zugleich ein strategisches Argument. Als einer der größten Versicherer und Investoren weltweit profitiert der Konzern potenziell vom steigenden Bedarf an Präventions- und Absicherungslösungen gegen Naturkatastrophen.