Wolfram ist derzeit das seltene Beispiel eines Rohstoffs, bei dem geopolitische Verwerfungen und Unternehmenszahlen tatsächlich in dieselbe Richtung zeigen. Für mich ist das der eigentliche Kern der Almonty-Geschichte – und er wiegt schwerer als jede Tagesbewegung an der Börse.
Der Kurs hat gestern 4,1 Prozent verloren und schloss bei 15,77 Euro. Wer nur auf diese Zahl schaut, könnte einen fundamentalen Bruch vermuten. Ein konkreter Auslöser lässt sich für den Rücksetzer jedoch nicht festmachen – kein neuer Unternehmensbericht, keine Analystenaktion, keine Branchennachricht in diesem Zeitfenster. Das spricht für mich eher für eine technische Verschnaufpause nach einem Anstieg von 36 Prozent binnen 30 Tagen als für einen Stimmungsumschwung. Der Titel notiert weiterhin rund 18 Prozent über seinem gleitenden 50-Tage-Durchschnitt und liegt seit Jahresbeginn nahezu bei einer Verdopplung.
Die Zahlen, die den Rücksetzer relativieren
Wer die operative Entwicklung von Almonty betrachtet, versteht schnell, warum ich einen einzelnen schwachen Handelstag nicht überbewerte. Im zweiten Quartal 2026 stieg der Umsatz um 498 Prozent gegenüber dem Vorjahr auf 43,0 Millionen US-Dollar, sequenziell ein Plus von 69 Prozent.
Das Ergebnis aus dem Bergbaubetrieb erreichte 26,1 Millionen US-Dollar, das bereinigte EBITDA lag bei 17,6 Millionen US-Dollar – eine Verbesserung um mehr als 22 Millionen US-Dollar gegenüber dem Vorjahresquartal. Zum 30. Juni 2026 verfügte Almonty über liquide Mittel von 1,23 Milliarden US-Dollar, nach 268,4 Millionen US-Dollar Ende 2025.
Diese Kriegskasse ist kein Zufall, sondern Ergebnis einer im Juni abgeschlossenen Anleihe über 800 Millionen US-Dollar mit 2,25 Prozent Zinsen, die wegen hoher Nachfrage sogar um 100 Millionen US-Dollar aufgestockt wurde. Unterm Strich sehe ich hier ein Unternehmen, das seine Wachstumsphase nicht mit knapper Liquidität, sondern mit einem finanziellen Puffer bestreitet, der für ein Unternehmen dieser Größenordnung ungewöhnlich komfortabel wirkt.
Sangdong als operativer Kern
Die eigentliche Substanz hinter der Bewertung liegt für mich in der Sangdong-Mine in Südkorea, wo seit Juli der Durchsatz in der Verarbeitungsanlage läuft.
Parallel dazu hat Almonty seine Abnahmevereinbarung mit Global Tungsten & Powders, einem Unternehmen der österreichischen Plansee-Gruppe, für Konzentrat aus Panasqueira und Sangdong erweitert. Das schafft Abnahmesicherheit in einem Markt, den CEO Lewis Black in seinem Ende August veröffentlichten Newsletter als zunehmend gespalten zwischen chinesischem und westlichem Angebot beschreibt – befeuert durch neue US-Restriktionen für Wolfram-Schrottexporte.
Genau diese Angebotsverknappung, verbunden mit Preisen von rund 3000 US-Dollar je mtu WO3 für Ammoniumparawolframat, bildet für mich das strukturelle Fundament der Aktie. Ein Markt, in dem China für jeden Export von Zwischenprodukten seit Februar 2025 eine Lizenz verlangen kann, verschiebt Preismacht dorthin, wo westliche Produzenten wie Almonty stehen.
Auch die Kapitalmarktseite hat sich verändert: Ende Juni wurde Almonty in den Russell 1000 und den Russell 3000 aufgenommen, Anfang September strich das Unternehmen sich selbst von der ASX, weil die dortigen Handelsvolumina kaum noch ins Gewicht fielen. Beide Schritte lese ich als Konsolidierung der Liquidität auf Nasdaq und TSX – ein sinnvoller Schritt für ein Unternehmen, das zunehmend im Fokus großer institutioneller Indizes steht.
Fazit
Für mich überwiegen die Argumente, die für eine intakte fundamentale Basis sprechen: explosives Umsatzwachstum, eine historisch hohe Kassenposition, ein anlaufender Minenbetrieb und ein strukturell verknapptes Wolfram-Angebot.
Der gestrige Kursrücksetzer wirkt vor diesem Hintergrund wie eine technische Reaktion auf einen steilen Anstieg, nicht wie ein Warnsignal. Die Bewertung bleibt anspruchsvoll, keine Frage – doch wer die operative Dynamik ernst nimmt, dürfte einzelne rote Handelstage eher als Atempause denn als Trendwende einordnen.
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