Die Aktien von Alnylam Pharmaceuticals kämpfen sich nach dem Kurssturz vom 30. Juli allmählich zurück, doch die juristische Aufarbeitung des Ausverkaufs gewinnt an Fahrt. Binnen weniger Tage haben sich gleich vier Kanzleien in die Aufarbeitung der gesenkten Jahresprognose eingeschaltet – zuletzt am Dienstag die Kanzlei Schall, Brown & Schwartz.
Vierte Kanzlei kündigt Prüfung an
Schall, Brown & Schwartz kündigte am Dienstag eine Untersuchung möglicher Verstöße gegen US-Bundeswertpapiergesetze an. Sie reagiert damit auf die Prognosekürzung, die Alnylam am 30. Juli veröffentlicht hatte. Bereits am Montag hatten Glancy Prongay Wolke & Rotter sowie Bragar Eagel & Squire eigene Prüfungen bekanntgegeben – Ersteres mit Blick auf möglicherweise irreführende Aussagen zum Markteintritt des Präparats für ATTR-CM, Letzteres wegen der Überarbeitung des Umsatzausblicks für 2026. Am Montag zuvor hatte zudem Bronstein, Gewirtz & Grossman Ansprüche von Alnylam-Käufern rund um den Kurseinbruch von 81,25 US-Dollar pro Aktie am 30. Juli geprüft. Alle vier Verfahren stehen noch am Anfang; Klagen sind bislang nicht bekannt.
Enttäuschung trotz Rekordgewinn
Ausgangspunkt der Verfahren ist der Quartalsbericht vom 30. Juli. Alnylam meldete einen Umsatz von 1,291 Milliarden US-Dollar und verpasste damit die Konsenserwartung von 1,323 Milliarden US-Dollar. Beim bereinigten Gewinn pro Aktie übertraf das Unternehmen die Erwartungen dagegen deutlich: 1,84 US-Dollar standen einer Konsensschätzung von 1,55 US-Dollar gegenüber, und erstmals in der Firmengeschichte erzielte Alnylam mit 164 Millionen US-Dollar einen Nettogewinn nach GAAP. Getrübt wurde die Bilanz von der gesenkten Umsatzprognose für das TTR-Geschäft, die Alnylam von zuvor 4,4 bis 4,7 Milliarden auf nun 4,2 bis 4,5 Milliarden US-Dollar zurücknahm – begründet mit einer „Normalisierung“ des Wachstums in der Zweitlinientherapie, nachdem aufgestauter Bedarf abgearbeitet sei. Am selben Tag meldeten Ionis Pharmaceuticals und AstraZeneca, dass ihre Phase-3-Studie CARDIO-TTRansform zu Eplontersen (Wainua) bei ATTR-CM den primären Wirksamkeitsendpunkt verfehlt hat – ein Rückschlag für einen Konkurrenten im selben Therapiefeld. Zusätzlich vereinbarte Alnylam an diesem Tag eine exklusive Kooperation mit BeOne Medicines zur Kommerzialisierung von AMVUTTRA in China.
Analysten zwischen Sorge und Kaufchance
Die Reaktionen der Investmenthäuser fielen gespalten aus. Raymond James stufte die Aktie am Montag von Outperform auf Strong Buy hoch und hob das Kursziel auf 420 US-Dollar an – begründet mit einem attraktiven Chance-Risiko-Profil nach dem jüngsten Kursrückgang. Gegenläufig bewegte sich der breitere Konsens: Der durchschnittliche Kursziel der von Analysten erfassten Häuser sank binnen eines Monats um 11,45 Prozent auf 352,04 US-Dollar, nachdem er Ende Juni noch bei 397,56 US-Dollar gelegen hatte. RBC Capital, Stifel, Oppenheimer, Needham und JPMorgan Chase hatten ihre Kursziele bereits im Zuge der Quartalszahlen deutlich reduziert, während H.C. Wainwright seine Kaufempfehlung mit Verweis auf angehobene Kollaborationserlöse bekräftigte. Ergänzend stufte die Quantbewertungsplattform Wall Street Zen die Aktie von Strong Buy auf Hold zurück – ein automatisiertes Signal ohne fundamentale Neubewertung.
Erholung vom Tief, aber Abwärtstrend intakt
An der Börse zeigt sich das Bild uneinheitlich. Die Aktie notiert aktuell bei 198,00 Euro und hat sich binnen sieben Handelstagen um 11,08 Prozent erholt. Damit liegt sie 15,02 Prozent über ihrem 52-Wochen-Tief von 172,15 Euro, das sie exakt am Tag der Prognosekürzung markierte. Der übergeordnete Abwärtstrend bleibt jedoch bestehen: Seit Jahresbeginn steht ein Kursverlust von 41,58 Prozent, und vom 52-Wochen-Hoch bei 425,00 Euro aus dem Oktober trennen das Papier noch immer mehr als die Hälfte. Anleger richten den Blick nun auch auf künftige Katalysatoren jenseits des TTR-Geschäfts: Für den 23. Oktober hat Alnylam erste Phase-1-Daten zu ALN-HTT02 bei Chorea Huntington angekündigt, vorgestellt auf dem Kongress des European Huntington’s Disease Network in Krakau.
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