Zwei prominente KI-Forscher verlassen Google binnen weniger Wochen – die Aktie reagiert mit einem satten Kursrutsch. Fundamentaldaten und Wachstumsprognosen zeichnen jedoch ein anderes Bild. Diese Diskrepanz zwischen Marktreaktion und Zahlenlage wirft die Frage auf, wie ernst die Personalabgänge wirklich zu nehmen sind.

Talentabwanderung sorgt für Nervosität

Ende Juni 2026 verlor die Alphabet-Aktie rund 10 Prozent, nachdem bekannt wurde, dass KI-Forscher Noam Shazeer zu OpenAI und John Jumper zu Anthropic wechseln. Der breite S&P 500 gab im selben Zeitraum nur rund 3 Prozent nach. Der Ausverkauf traf damit deutlich stärker als der Gesamtmarkt, obwohl Alphabet nach Einschätzung mehrerer Researchhäuser weiterhin über eine der tiefsten KI-Talentbänke der Branche verfügt – mit Tausenden Ingenieuren und Wissenschaftlern jenseits der beiden Abgänge.

Parallel zur Personaldebatte expandiert Alphabet sein Cloud-Geschäft rasant. Für das Geschäftsjahr 2026 rechnen Analysten mit einem Umsatzwachstum von 60 Prozent bei Google Cloud – elf Prozentpunkte über dem bisherigen Konsens. Die Gemini-App verzeichnet monatliche Nutzungssteigerungen von 18 Prozent, die mobilen Daily Active User legten um 14 Prozent zu.

Enterprise-Geschäft zieht an

Wie stark die Nachfrage nach Gemini im Unternehmenssegment ist, zeigt eine frisch erweiterte Partnerschaft mit dem IT-Dienstleister Cognizant. Das Unternehmen will Gemini Enterprise noch in diesem Jahr für 100.000 eigene Mitarbeiter ausrollen, mittelfristig auf 200.000 skalieren und mindestens 10.000 Mitarbeiter zertifizieren. Ein erster Kundeneinsatz im Contact-Center-Bereich habe die Erstlösungsquote bereits um 17 Prozent gesteigert.

Auf der Konsumentenseite bleibt Google in Bewegung, wenngleich mit gemischten Signalen. Seit dieser Woche rechnet der Konzern Android-Backups auf das Speicherkontingent des Google-Kontos an – bisher waren Sicherungen kostenlos und speicherplatzneutral. Die Änderung betrifft zunächst nur neue Nutzer, bestehende Konten sollen später folgen.

Beim Hardware-Geschäft kursieren zudem Preiserhöhungs-Spekulationen zur Pixel-11-Serie. Die neue Generation soll künftig mit 256 statt 128 Gigabyte Basisspeicher starten, was die Einstiegspreise in Europa um rund 100 Euro anheben könnte. Eine Vorstellung wird für Mitte August erwartet, der Verkaufsstart Ende des Monats.

Analysten uneins über Kursziel-Höhe

Die Einschätzungen der Analystenhäuser zeigen eine spürbare Spanne. Wells Fargo sieht ein Kursziel von 387 Dollar bei „Overweight“, BofA Global Research kalkuliert mit 335 Dollar bei „Buy“-Einstufung. BMO Capital Markets führt Alphabet als „Top Pick“ mit „Outperform“-Rating. Die Umsatzschätzungen für 2026 liegen bei knapp 480 Milliarden Dollar, für 2027 bei rund 561 Milliarden Dollar – beides Aufwärtsrevisionen gegenüber früheren Prognosen.

Ob die Kursreaktion auf die Forscherabgänge nachhaltig bleibt oder sich als Überreaktion erweist, dürfte sich an den kommenden Cloud- und Gemini-Zahlen entscheiden. Die Wachstumsraten bei Nutzerzahlen und Cloud-Umsatz sprechen bislang gegen ein strukturelles Problem.