Starke Zahlen, schwacher Kurs. Alphabet meldete für das zweite Quartal einen Umsatz von 119,8 Milliarden Dollar, ein Plus von 24 Prozent. Trotzdem verlor die Aktie in den vergangenen sieben Tagen 7,19 Prozent.

Der Grund liegt im Kleingedruckten. Die Investitionen des Konzerns schossen im Quartal auf 44,9 Milliarden Dollar. Das Ergebnis: ein negativer freier Cashflow von rund 5,85 Milliarden Dollar. Für Alphabet ist das eine Seltenheit. Zum ersten Mal seit einem Jahrzehnt gibt der Konzern mehr aus, als er einnimmt.

Die EU verschärfte die Lage zusätzlich. Am 23. Juli verhängten europäische Regulierer eine neue Kartellstrafe von einer Milliarde Dollar gegen Google, wegen Play Store und Suchpraktiken. Zum Wochenschluss notierte die Aktie bei 281,30 Euro, nur knapp über dem 200-Tage-Durchschnitt von 280,61 Euro. Diese Linie wird jetzt zur entscheidenden Marke.

Die Schlüsselfrage: Wächst die Cloud schnell genug?

Der Konzern hat seine Investitionsplanung für das Gesamtjahr auf 195 bis 205 Milliarden Dollar angehoben. Die zentrale Frage für Anleger: Kann Google Cloud schnell genug wachsen, um diese Ausgaben zu rechtfertigen? Oder handelt es sich um eine dauerhafte Verschiebung im Geschäftsmodell, die künftig die Margen drückt?

Die Antwort entscheidet, ob der negative Cashflow eine vorübergehende Investitionsphase ist oder ein neues Normal für Alphabet.

Das bullische Szenario: Cloud-Dominanz und KI-Nachfrage

Die Wachstumszahlen bei Google Cloud sind eindrucksvoll. Der Umsatz stieg um 82 Prozent auf 24,8 Milliarden Dollar. Der Auftragsbestand kletterte auf einen Rekordwert von 514 Milliarden Dollar.

Fast 90 Prozent der Fortune-100-Unternehmen nutzen mittlerweile Gemini, Googles KI-Modell. Die kürzlich abgeschlossene Übernahme des Sicherheitsanbieters Wiz stärkt zusätzlich das Cloud-Angebot und grenzt Alphabet stärker von der Konkurrenz ab.

Auch die Charttechnik liefert Argumente für Optimisten. Der RSI von 32,5 signalisiert eine überverkaufte Aktie – historisch oft ein Vorbote für eine technische Erholung. Analysten sehen im Konsens ein Kursziel von 381,19 Euro, das entspräche einem Potenzial von 35,5 Prozent. Wer die Korrektur von rund 20 Prozent seit dem Mai-Hoch als Einstiegschance liest, verweist auf die weiterhin robuste operative Marge von 34 Prozent.

Das bärische Szenario: Die Kostenfalle

Kritiker sprechen von einer „Capex-Falle“. Das Management deutete bereits an, dass die Investitionen 2027 nochmals deutlich steigen dürften. Die Ausgaben für KI-Führerschaft beschleunigen sich demnach – sie stabilisieren sich nicht.

Hinzu kommt der regulatorische Druck. Die EU-Strafe unter dem Digital Markets Act ist keine Einzelaktion, sondern Teil einer Dauerbeobachtung von Suche und Play Store durch Brüssel. Sollte die Aktie den 200-Tage-Durchschnitt nachhaltig unterschreiten, verliert sie eine wichtige technische Unterstützung. Das nächste Kursziel wären dann die Regionen nahe dem 52-Wochen-Tief von 163,44 Euro.

Skeptiker verweisen zudem auf einen Bilanzeffekt: Die im Quartal ausgewiesenen Nettogewinne aus Wertpapieren – etwa der Beteiligung an SpaceX – von 99 Milliarden Dollar kaschieren aus ihrer Sicht die eigentliche operative Realität. Cash fließt zunehmend in risikoreiche Hardware-Wetten statt ins Kerngeschäft.

Ausblick: Die 200-Tage-Linie als Wasserscheide

Solange Alphabet oberhalb des 200-Tage-Durchschnitts bleibt, lässt sich die aktuelle Schwäche als gesunde Konsolidierung nach einem Kursgewinn von 72 Prozent im Vorjahresvergleich deuten. Schließt die Aktie jedoch deutlich darunter, dürfte der Markt sie neu bewerten – nicht mehr als margenstarkes Softwareunternehmen, sondern als kapitalintensiven Infrastrukturkonzern.

Der nächste konkrete Prüfstein kommt noch in diesem Monat: Die Quartalszahlen der übrigen „Magnificent Seven“ werden zeigen, ob Alphabets Investitionsschub eine branchenweite Notwendigkeit ist oder ein isoliertes Risiko. Parallel dazu bleibt die Berufung gegen die schwedische PriceRunner-Entscheidung über rund 2,1 Milliarden Euro sowie der weitere Verlauf des DMA-Verfahrens ein Stimmungsfaktor für das dritte Quartal. Bis dahin bleibt die 200-Tage-Linie bei 280,61 Euro die Marke, an der sich entscheidet, ob der Ausverkauf eine Pause ist oder der Beginn einer Neubewertung.