Ein Konzern verbrennt zum ersten Mal seit dem Börsengang 2004 Cash – und meldet trotzdem ein Rekordquartal. Bei Alphabet klaffen operative Stärke und Bilanzbelastung gerade so weit auseinander wie selten zuvor. Der Grund: ein Investitionsprogramm, das die Google-Mutter selbst als Antwort auf einen „Angebotsengpass“ bei KI-Kapazitäten bezeichnet.
Alphabet hat die Investitionsplanung für 2026 auf 195 bis 205 Milliarden Dollar angehoben – deutlich mehr als zuvor angekündigt. Die Folge: minus 5,9 Milliarden Dollar freier Cashflow im zweiten Quartal. Das gab es seit dem Börsengang vor über zwei Jahrzehnten nicht. Der Umsatz kletterte zwar um 24 Prozent auf 119,8 Milliarden Dollar. Der Markt reagierte trotzdem nervös: Die Aktie notiert nach dem Freitagsschluss bei 281,30 Euro rund 11 Prozent unter ihrem 50-Tage-Durchschnitt.
Die entscheidende Kennzahl
Google Cloud sitzt auf einem Auftragsbestand von 514 Milliarden Dollar. Diese Zahl entscheidet darüber, ob der Markt die aktuellen Ausgaben als kluge Vorleistung akzeptiert oder als Warnsignal wertet. Wandelt sich dieser Berg an Verträgen zügig in freien Cashflow um, bevor die Geduld der Anleger bei täglichen KI-Ausgaben von rund 490 Millionen Dollar aufgebraucht ist? Genau das ist die Frage, an der sich die Bewertung der Aktie in den kommenden Quartalen entscheidet.
Bullisches Szenario: Vorausbezahlte Infrastruktur
Die optimistische Lesart lautet: Alphabet investiert nicht ins Blaue, sondern reagiert auf belegte, überwältigende Nachfrage. Die Cloud-Sparte wuchs im zweiten Quartal um 82 Prozent auf 24,8 Milliarden Dollar. Die operative Marge verdreifachte sich auf 35,6 Prozent.
CEO Sundar Pichai spricht davon, dass die Nachfrage nach KI-Produkten die verfügbaren Kapazitäten übersteigt. Finanzchefin Anat Ashkenazi bestätigt das: Der Konzern befinde sich seit mehreren Quartalen in einem echten Angebotsengpass. Der gemeldete Cloud-Auftragsbestand von 514 Milliarden Dollar liefert dafür die Zahlenbasis – künftige Umsätze sind über Verträge bereits weitgehend gesichert.
Auch die Bilanz gibt Rückendeckung. Alphabet hält 242,5 Milliarden Dollar an Cash und sitzt auf Buchgewinnen von zusammen 99 Milliarden Dollar aus den Beteiligungen an SpaceX und Anthropic. Das durchschnittliche Kursziel der Analysten liegt bei 381,11 Euro – ein Aufwärtspotenzial von 35,5 Prozent gegenüber dem aktuellen Kurs. Wer bullish bleibt, sieht im Abstand von knapp 20 Prozent zum 52-Wochen-Hoch von 350,75 Euro einen Einstiegspunkt, zumal die Aktie auf Sicht von zwölf Monaten immer noch fast 70 Prozent im Plus liegt.
Bärisches Szenario: Das Ende der Blankovollmacht
Das Kernrisiko: Alphabet könnte sich von einer Cash-Maschine zu einem kapitalintensiven Infrastrukturbetreiber wandeln. Der Kursrückgang von 8,71 Prozent binnen sieben Tagen zeigt, dass der Markt diesen Übergang bereits einpreist.
Bereinigt man den Quartalsgewinn um den Buchgewinn aus den Beteiligungen, ergibt sich ein Kern-EPS von rund 2,85 Dollar. Das liegt knapp unter der Analystenschätzung von 2,88 Dollar. Hinzu kommt: Alphabet hat Aktienrückkäufe ausgesetzt und stattdessen Aktien im Volumen von 49,6 Milliarden Dollar sowie Anleihen über 20,3 Milliarden Dollar ausgegeben, um die Investitionen zu finanzieren. Für viele Privatanleger verändert das die Investmentlogik grundlegend.
Ashkenazi warnte zudem, dass die Investitionen 2027 nochmals deutlich steigen sollen. Der negative Cashflow des zweiten Quartals könnte damit kein Einmaleffekt bleiben, sondern der Beginn einer längeren Phase.
Regulatorisch bleibt der Druck ebenfalls hoch. Am 23. Juli 2026 verhängte die EU eine neue Strafe von 890 Millionen Euro nach dem Digital Markets Act. Damit summieren sich die EU-Bußgelder gegen Alphabet auf 10,38 Milliarden Euro. Bei einer annualisierten Volatilität von aktuell 35,4 Prozent und einem RSI von 32,5 – nahe der überverkauften Zone – könnte sich der Kursrückgang vertiefen, sollten Anleger verstärkt in „asset-leichte“ KI-Strategien umschichten.
Ausblick: Test der Angebotsengpass-Phase
Wie es weitergeht, hängt vor allem davon ab, ob Alphabet die Kapazitätsengpässe löst, ohne die Kreditqualität weiter zu belasten. Wächst der Cloud-Auftragsbestand von 514 Milliarden Dollar weiter im Gleichschritt mit Umsatzzuwächsen um die 20 Prozent, dürfte der Markt die aktuellen Ausgaben irgendwann als notwendige Vorleistung für das KI-Zeitalter neu bewerten.
Hält der negative Cashflow dagegen bis in die zweite Jahreshälfte 2026 an, ohne dass sich der Kerngewinn je Aktie erholt, dürfte der technische Druck bestehen bleiben – die Aktie notiert aktuell nur knapp über ihrem 200-Tage-Durchschnitt von 280,61 Euro. Der nächste konkrete Termin: Im dritten Quartal 2026 will Alphabet die Cloud-Kapazitäten über Drittanbieter ausbauen, um die Engpässe zu entschärfen und die operativen Margen zu stabilisieren. Wie sich zudem der laufende Dialog mit der EU zu den jüngsten Kartellstrafen entwickelt, dürfte für die Stimmung am europäischen Markt mitentscheidend sein.
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