Nach US-Börsenschluss heute öffnet Alphabet die Bücher zum zweiten Quartal 2026 — als erster der großen US-Techkonzerne in dieser Berichtssaison. Die Erwartungen sind hoch, die Fallstricke zahlreich. Wer nur auf die erste Gewinnzahl schaut, dürfte das eigentliche Bild verpassen.

Erwartungen und Stolperfallen

Analysten rechnen mit rund 117 Milliarden Dollar Umsatz und einem bereinigten Gewinn je Aktie von 3,10 Dollar. Die Zahl könnte allerdings täuschen. Alphabet hält eine bedeutende Beteiligung an Anthropic — wird diese bilanziell neu bewertet, treibt das den ausgewiesenen GAAP-Gewinn nach oben, ohne dass operative Stärke dahintersteckt. Entscheidend ist deshalb, wie sich Google-Suche, Werbegeschäft und YouTube tatsächlich entwickeln.

Capex ohne Bremse

Der eigentliche Prüfstein liegt im Investitionsbudget. BofA Securities rechnet damit, dass Alphabet seine Investitionsplanung für 2026 um etwa fünf Prozent anhebt — auf eine Spanne von 190 bis 200 Milliarden Dollar. Hintergrund sind steigende Speicherchip-Preise und beschleunigte KI-Nachfrage. Auffällig: Branchenanalysen zeigen, dass die vier großen KI-Hyperscaler ihre Investitionsausgaben ab dem kommenden Jahr höher ansetzen könnten als ihren operativen Cashflow — ein deutlicher Bruch mit dem bisherigen Ruf dieser Konzerne als Cash-Maschinen.

Für die Aktie zählt daher weniger die Frage, wie viel Geld fließt, sondern ob sich daraus messbares Cloud-Wachstum und erste externe TPU-Umsätze ableiten lassen. Auch die Integration von Wiz in die Cloud-Marge dürfte im Blick der Analysten stehen.

Baustelle Gemini

Auf der Produktseite hat Google diese Woche mit Gemini 3.6 Flash, 3.5 Flash-Lite und 3.5 Flash Cyber drei neue Modelle veröffentlicht, die vor allem KI-Agenten unterstützen sollen. Das eigentliche Flaggschiff-Modell 3.5 Pro fehlt jedoch weiterhin. Ursprünglich für Juni 2026 geplant, verzögert sich der Launch offenbar wegen Performance-Problemen. Im Wettbewerb mit OpenAI und Anthropic dürfte das Management heute erklären müssen, wie kritisch diese Verzögerung für die KI-Position von Google tatsächlich ist.

Der Berichtstermin fällt zudem in eine Phase erhöhter Marktnervosität: Der eskalierende Konflikt zwischen den USA und Iran hat die Ölpreise zuletzt auf Mehrwochenhochs getrieben, während Anleiherenditen steigen. Wall Street bewegte sich im Vorfeld der Zahlen richtungslos — ein Umfeld, in dem enttäuschende Cloud- oder Margendaten stärker durchschlagen könnten als in ruhigeren Marktphasen.

Am Ende entscheidet nicht die erste Schlagzeile zum Gewinn je Aktie, sondern die Substanz hinter den Zahlen: Wachstumstempo bei Google Cloud, Umwandlung des Auftragsbestands in echten Umsatz und eine glaubwürdige Antwort auf die Gemini-Verzögerung. Diese drei Punkte dürften die Kursreaktion nach Handelsschluss maßgeblich bestimmen.