Liebe Traderinnen und Trader,

ein Analystenkonsens, der binnen Jahresfrist 24 Prozent Kursgewinn verspricht, und ein Chart, der seit Wochen auf der Stelle tritt – selten klaffen Erwartung und Kursverlauf so weit auseinander wie bei Alphabet in diesen Tagen. Am Montag schloss die Aktie noch bei 313 Euro, am Dienstag steht sie im Xetra-Handel bei 306,60 Euro – ein kleiner Rücksetzer, gut 15 Prozent im Plus seit Jahresanfang, aber mit angezogener Handbremse im letzten Monat. Morgen Abend liefert Alphabet die Antwort, ob dieser Chart Recht behält oder die Analysten.

Alphabet: Erwartungen so hoch wie der Einsatz

Der Bericht zum zweiten Quartal kommt am Mittwochabend (MEZ), traditionell nach US-Börsenschluss – und die Messlatte liegt hoch. TipRanks erwartet einen bereinigten Gewinn je Aktie von 2,88 Dollar (nach 2,31 Dollar im Vorjahr) sowie ein Umsatzwachstum von 21,3 Prozent auf 117,01 Milliarden Dollar. Der Analystenkonsens ist ein glasklares „Strong Buy“ – 29 Kauf- gegen nur 5 Halte-Voten –, das durchschnittliche Kursziel liegt bei 437,79 Dollar, rund 24 Prozent über dem aktuellen US-Niveau. BMO nennt 455 Dollar, Guggenheim 450 Dollar, BofA 430 Dollar, Stifel 420 Dollar.

Der Treiber dieser Euphorie hat einen Namen: Google Cloud. Das Geschäft legte zuletzt um 63 Prozent zu, der Auftragsbestand liegt bei über 460 Milliarden Dollar. Das ist keine vage Zukunftshoffnung, sondern die Substanz, auf der der gesamte Bullen-Case ruht.

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Der Streitpunkt: 190 Milliarden für Rechenzentren

Doch genau hier verläuft auch die Bruchlinie. Alphabet plant für 2026 Investitionen von 180 bis 190 Milliarden Dollar – gegenüber 91,45 Milliarden im Vorjahr mehr als eine Verdopplung. Wie nervös der Markt auf diesen Kapitalbedarf reagiert, zeigte sich bereits: Als sich die Markteinführung von Gemini 3.5 Pro verzögerte, verlor die Aktie über 4 Prozent. Die entscheidende Frage für den Earnings-Call lautet deshalb: Rechtfertigen die KI-Umsätze diese Kapitalflut, oder öffnet sich ab 2027 ein Cashflow-Loch?

Ein zweiter Punkt verdient besondere Aufmerksamkeit bei der Lektüre der Q2-Zahlen. Ein Analyst bei Seeking Alpha weist darauf hin, dass rund 74 Prozent des Anstiegs beim Vorsteuerergebnis im ersten Quartal aus nicht-operativen Effekten stammten – konkret aus der Höherbewertung der Anthropic-Beteiligung. Anthropic wurde in seiner Series-H-Runde Ende Mai 2026 mit rund 965 Milliarden Dollar bewertet, nach zuvor 380 Milliarden. Ein solcher Sprung bläht Alphabets berichteten GAAP-Gewinn auf, ohne dass das operative Geschäft dahintersteht. Wer die Zahlen morgen liest, sollte deshalb konsequent zwischen bereinigtem und berichtetem Gewinn trennen – Seeking Alpha selbst vergibt der Aktie entsprechend nur ein „Hold“.

Für den Trader zählt am Ende der Chart. Das 52-Wochen-Hoch von 350,75 Euro aus dem Mai ist noch rund 14 Prozent entfernt, das Tief bei 161,58 Euro liegt weit zurück – binnen zwölf Monaten hat sich die Aktie nahezu verdoppelt (+88 Prozent). Bestätigen die Zahlen die Cloud-Story, ist der Weg zum Analystenziel offen. Enttäuscht der Kommentar zu den Investitionen, wird die 300-Dollar-Marke schnell zur Nagelprobe. Wer positioniert ist, sichert die Schwankungsbreite vor dem Bericht besser eng ab.

SpaceX: Die Gegenbewegung im Xetra-Handel

Ganz anders das Bild bei SpaceX. Die Aktie sprang im Xetra-Handel um 7,3 Prozent auf 112,64 Euro und beendete damit eine Verlustserie – ausgerechnet einen Tag, nachdem am Montag mit 104,88 Euro das 52-Wochen-Tief markiert worden war. Im onvista-Beliebtheitsranking gehörte der Titel mit plus 7,16 Prozent zu den auffälligsten Werten des Tages. Doch die Erholung sollte niemanden täuschen: Über 30 Tage steht SpaceX trotz des Sprungs noch fast 17 Prozent im Minus. Das ist kein ruhiges Investment, sondern ein Volatilitäts-Trade in Reinform – für Trader interessant, für Langfristanleger eine Nervenprobe.

Nebius: Der Nvidia-Effekt

Der Tagessieger unter den handelbaren Werten hieß Nebius: plus 14 Prozent auf 182,50 Euro. Der Grund ist diesmal keine Spekulation, sondern eine Beteiligungsmeldung – Nvidia hält nun 9,3 Prozent an dem Cloud-Anbieter. Für Nebius-Aktionäre ist das ein Ritterschlag, keine Frage. Wer den Titel hält, sollte aber nicht vergessen: Binnen 30 Tagen gab die Aktie trotz allem über 26 Prozent nach, und das 52-Wochen-Hoch von 261,00 Euro liegt noch ein gutes Stück entfernt. Der Nvidia-Einstieg liefert Fantasie, keine Stabilität.

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Krypto: Bitcoin bricht durch, Ethereum zieht nach

Bitcoin hat den Widerstand bei 66.000 Dollar überwunden und notiert bei 66.664 Dollar, ein Tagesplus von 3,1 Prozent – ein Stück auf dem Weg zu den 70.000 Dollar, auf die der milliardenschwere Optionsblock vom Freitag setzt. Auf Zwölfmonatssicht bleibt der Rückstand aber gewaltig: über 43 Prozent im Minus, das 52-Wochen-Tief von knapp 58.000 Dollar wurde erst am 1. Juli markiert. Die Erholung ist real, spielt sich aber weiterhin auf gedrücktem Niveau ab.

Frischer ist der Blick auf Ethereum: Der Kurs zog im Juli spürbar an und steht bei 1.930 Dollar, über 30 Tage ein Plus von 11 Prozent. Auch hier bleibt der Jahresvergleich ernüchternd – fast 49 Prozent unter Vorjahresniveau. Für Trader ist genau das die relevante Konstellation: kurzfristiges Momentum trifft auf ein tief gedrücktes Jahresbild. Die nächste Widerstandszone bei Bitcoin liegt oberhalb der 67.000-Dollar-Marke.

Marschroute

  • Alphabet: Mittwochabend ist das Ereignis der Woche. Über 300 Dollar bleibt der Bullen-Case intakt, das Kommentar zu den Investitionen entscheidet über die Richtung zum Analystenziel von 437 Dollar. Operativen Gewinn zwingend von der Anthropic-Aufwertung trennen.
  • SpaceX: Nach der Gegenbewegung bleibt der Titel ein reiner Volatilitäts-Trade – kein Setup für ruhige Depots.
  • Nebius: Momentumgetrieben durch den Nvidia-Einstieg, aber weiterhin schwankungsanfällig.
  • Bitcoin/Ethereum: Solange die Erholung trägt, ist 67.000 Dollar das nächste Bitcoin-Ziel. Das schwache Zwölfmonatsbild bei beiden Assets mahnt aber zur Vorsicht.

Gute Trades, Ihr Andreas Sommer