Amazon hat in dieser Woche gleich drei Fronten bespielt — und trotzdem steht die Aktie unter Druck. Der Kurs schloss am Freitag bei 206,15 Euro, rund 13 Prozent unter dem Mai-Hoch. Der RSI liegt bei 34,6 und nähert sich damit dem überverkauften Bereich.
Rekordanleihe signalisiert höhere KI-Ausgaben
Am 12. Juni platzierte Amazon die größte Unternehmensanleihe in der Geschichte des kanadischen Kapitalmarkts. Das Volumen: 13,97 Milliarden kanadische Dollar, aufgeteilt auf fünf Tranchen mit Laufzeiten bis 2056. Die Nachfrage überstieg das Angebot um das Doppelte.
Die Kupons liegen zwischen 3,4 und 5,0 Prozent. Die größte Einzeltranche ist eine 30-jährige Anleihe über 4,75 Milliarden kanadische Dollar — gepreist mit 110 Basispunkten Aufschlag auf kanadische Staatsanleihen. Den bisherigen Rekord hielt Alphabet mit 8,5 Milliarden kanadischen Dollar.
Bloomberg-Intelligence-Analysten werten die erneute Kapitalmarktaktivität als Signal: Amazons KI-Investitionen dürften 2027 deutlich über den für dieses Jahr erwarteten 200 Milliarden US-Dollar liegen. Kein Wunder, dass Anleger genau hinschauen.
Prime Day unter Druck
Ab Dienstag, dem 23. Juni, läuft Prime Day 2026 — vier Tage lang, in den USA und 21 weiteren Ländern. Das ist früher als üblich; normalerweise findet das Event im Juli statt, zuletzt war es 2021 im Juni.
Der Zeitpunkt ist heikel. Das US-Konsumklima erreichte im Mai ein Rekordtief. Drei Konkurrenten haben ihre eigenen Rabattaktionen in dieselbe Woche gelegt. Amazon testet täglich drei Discount-Wellen — um Mitternacht, 8 Uhr und 13 Uhr Pazifikzeit — mit vielen Angeboten bei 50 Prozent Rabatt oder mehr.
Logistik als neues Standbein
Parallel dazu weitet Amazon seinen Frachtdienst aus. Bisher transportierte das LTL-Netzwerk (Less-than-Truckload) nur Waren zu Amazon-eigenen Lagern. Künftig können Unternehmen Fracht von ein bis sechs Paletten — oder zwischen 70 und 6.800 Kilogramm — zu beliebigen Zielen schicken: Drittlager, Distributionszentren, Handelspartner.
Amazon verfügt über mehr als 80.000 Trailer und 24.000 Intermodal-Container. Das bringt den Konzern in direkten Wettbewerb mit FedEx, UPS und spezialisierten US-Frachtdienstleistern. Die Bank of America bekräftigte am 11. Juni ihr Kaufvotum und verwies auf genau diesen Schritt als Treiber für höhere Drittanbieter-Volumina und bessere Margen im Einzelhandel.
Kapitalzyklus überschattet operative Stärke
AWS-Chef Andy Jassy meldete für das erste Quartal 2026 einen annualisierten KI-Umsatz von mehr als 15 Milliarden US-Dollar. Das Wachstum ist real — aber der Markt blickt auf die Ausgabenseite. Regulatorische Risiken kommen hinzu: Eine EU-Überprüfung von Cloud-Beschaffungen und ein erwarteter FTC-Kartellprozess lasten auf der Stimmung.
Die Aktie notiert knapp über ihrem 200-Tage-Durchschnitt von 199,50 Euro — das ist vorerst die entscheidende Haltelinie. Prime Day und die nächsten Quartalszahlen werden zeigen, ob das operative Momentum die Kapitalkosten-Debatte überlagern kann.
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