Amazon hat diese Woche geliefert, was der Markt seit Quartalen einfordert: den Beweis, dass die Milliarden für künstliche Intelligenz tatsächlich Umsatz bringen. Am Freitag sprang die Aktie um 15,18 Prozent nach oben und schloss bei 235,65 Euro. Das ist nicht nur ein starker Tag — das ist eine Neubewertung der gesamten Investmentstory.

Der Kurs liegt nun nur noch 1,01 Prozent unter seinem 52-Wochen-Hoch von 238,05 Euro. Vor gut fünf Monaten notierte die Aktie noch bei 165,88 Euro, ihrem Jahrestief. Wer den Unterschied sehen will: Das sind über 42 Prozent Aufholjagd in einem halben Jahr.

AWS bringt die Wende

Der eigentliche Auslöser für den Sprung war AWS. Monatelang fragten sich Investoren, ob die gewaltigen Investitionen in KI-Infrastruktur je etwas abwerfen würden. Jetzt liegt die Antwort vor: Die AWS-Umsätze wuchsen im Jahresvergleich um 37 Prozent — das schnellste Tempo seit 18 Quartalen.

Getrieben wird das Wachstum von zwei Faktoren. Erstens die Nachfrage nach generativer KI. Zweitens die eigenen Trainium-Chips, die offenbar reibungslos in die Infrastruktur integriert wurden.

Noch wichtiger als die Wachstumsrate ist aus meiner Sicht der Auftragsbestand von AWS. Er liegt inzwischen bei rund 496 Milliarden Dollar. Eine solche Summe an gesicherter künftiger Nachfrage ist im Technologiesektor selten — und sie liefert genau die Planungssicherheit, die eine strukturelle Neubewertung der Aktie rechtfertigt, nicht nur einen kurzfristigen Ausschlag.

Amazon hat gleichzeitig die Prognose für die Kapitalausgaben auf 220 Milliarden Dollar angehoben, wegen steigender Speicherchip-Preise und zusätzlichem Infrastrukturbedarf. Bemerkenswert: Der Markt hat diese Zahl kaum bestraft. Die Diskussion hat sich verschoben — weg von der Frage, ob sich der Ausbau lohnt, hin zur Frage, wie hoch die Rendite auf das investierte Kapital am Ende ausfällt.

Ein Chart, der Kaufdruck zeigt

Technisch betrachtet hat der Freitag das mittelfristige Bild komplett gedreht. Die Aktie notiert 16,13 Prozent über ihrem 200-Tage-Durchschnitt — ein klares Zeichen für einen intakten Aufwärtstrend. Der RSI steht bei 67,2, nähert sich also der als überkauft geltenden Marke von 70, ohne sie zu erreichen.

Das lese ich als intensiven Kaufdruck, der noch nicht erschöpft ist. Eine kurze Verschnaufpause knapp unter dem Jahreshoch wäre normal. Die Wahrscheinlichkeit spricht aber für einen Ausbruch nach oben, nicht für einen Rückschlag.

Vorsichtige Prognose, unbeeindruckte Analysten

Interessant ist die Diskrepanz zwischen Unternehmensausblick und Marktstimmung. Das Management gab für das dritte Quartal eine eher zurückhaltende Prognose ab — bedingt durch die Terminierung des Prime Day und steigende Speicherkosten. Die Analysten lässt das offenbar kalt.

Das durchschnittliche Kursziel liegt aktuell bei 272,83 Euro. Das entspricht einem Aufwärtspotenzial von 15,8 Prozent gegenüber dem Schlusskurs vom Freitag.

Für mich hat sich die Investmentthese bei Amazon in dieser Woche verschoben. Das Einzelhandelsgeschäft liefert dank effizienterer regionaler Logistik ein stabiles Fundament. AWS hat sich als Wachstumsmotor zurückgemeldet. Der Auftragsbestand von 496 Milliarden Dollar wirkt für viele Marktteilnehmer wie ein Gegenmittel gegen die Angst vor einer KI-Investitionsblase.

Die Marke von 238,05 Euro ist die nächste Hürde. Gelingt der Ausbruch, dürfte die Debatte um Amazon nicht mehr lauten, ob sich die Ausgaben rechtfertigen lassen — sondern wie viel das Unternehmen am Ende damit verdient.