Amazons Gewinn allein dürfte bei den nächsten Quartalszahlen nicht ausreichen, um Anleger zu überzeugen. Hohe KI-Investitionen, steigende Abschreibungen und Bewertungsgewinne aus der Anthropic-Beteiligung erschweren die Einordnung des Ergebnisses. Für den am 29. Oktober nach Börsenschluss geplanten Bericht wird deshalb entscheidend, wie viel operativer Ertrag und frei verfügbarer Mittelzufluss hinter dem Wachstum stehen.
Der Ausbau bindet viel Kapital
Amazon plant für 2026 Investitionsausgaben von rund 220 Mrd. US-Dollar. Nach Angaben von Morningstar hob das Unternehmen die Prognose im Juli wegen höherer Speicherpreise an. Die zusätzliche Belastung kommt damit nicht allein aus dem Ausbau der Infrastruktur.
Die Ausgaben schaffen Kapazität für das wachsende KI-Geschäft. Zugleich belasten sie den freien Mittelzufluss und erhöhen über Abschreibungen die Kosten kommender Perioden. Starkes Wachstum und hohe Investitionen sind deshalb nicht getrennt zu beurteilen: Entscheidend ist die Rendite des eingesetzten Kapitals.
Morningstar zufolge stiegen die Abschreibungen im Vorquartal um 67 %. Der nachlaufende freie Mittelzufluss war leicht negativ. Damit richtet sich der Blick neben neuen Aufträgen auch darauf, wann sich die Ausgaben stärker in verfügbaren Mitteln niederschlagen.
Die Nachfrage bietet weiterhin Rückhalt für den Ausbau. Medienberichten zufolge erwartet das Management allerdings auch künftig Kapazitätsengpässe. Zusätzliche Investitionen könnten somit weiteres Geschäft ermöglichen, ohne kurzfristig die Belastung des Mittelzuflusses zu verringern.
AWS liefert die operative Grundlage
Im zweiten Quartal 2026 wuchs der AWS-Umsatz um 37 %. Die operative Marge erreichte 39,4 %. Das Cloud-Geschäft liefert damit einen konkreten Maßstab dafür, ob Amazon seine hohen Infrastrukturkosten durch profitables Wachstum rechtfertigen kann.
Wells Fargo sieht hier weiteres Potenzial. Die Bank bezeichnete Amazon gestern als ihre bevorzugte Mega-Cap-Aktie vor den Quartalszahlen. Sie erwartet steigende Schätzungen für AWS-Umsatz und Betriebsgewinn, getragen von beschleunigtem Wachstum und starken Margen. Kurzfristig nennt sie jedoch Treibstoffkosten als Ergebnisrisiko.
Für das dritte Quartal stellt Amazon einen Konzernumsatz zwischen 197,0 und 202,0 Mrd. US-Dollar in Aussicht. Beim ausgewiesenen Wachstum ist die Verschiebung des Prime Day ins vorangegangene Quartal zu berücksichtigen.
Dieser Kalendereffekt erschwert den direkten Vergleich. Ein schwächerer ausgewiesener Zuwachs wäre deshalb nicht automatisch ein Beleg für nachlassende Nachfrage.
Die Verschiebung belastet das Umsatzwachstum laut Morningstar um rund 4 Prozentpunkte. Die Unternehmensprognose für den operativen Gewinn liegt zwischen 22,5 und 26,5 Mrd. US-Dollar.
Bewertungsgewinne verzerren den Nettogewinn
Auch unterhalb des operativen Ergebnisses lohnt sich ein genauer Blick. Im ersten Halbjahr 2026 entfielen von 120,7 Mrd. US-Dollar Vorsteuergewinn mehr als 69 Mrd. US-Dollar auf nicht realisierte Bewertungsgewinne aus Anthropic.
Diese Papierwertgewinne sind kein operativer Geschäftsertrag. Ein Vergleich allein anhand des Nettogewinns kann deshalb die Entwicklung von Cloud-Geschäft und Handel überlagern.
Morningstar erwartet langfristig höhere Margen durch AWS und Werbung. Der nächste Bericht muss diese Perspektive mit der aktuellen Kapitalbelastung verbinden. Für Anleger zählen daher vor allem drei Punkte: die operative Ertragskraft, die Entwicklung der Abschreibungen und der Weg zu einem nachhaltig positiven freien Mittelzufluss.
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