Ein Cash-Flow-Einbruch von 95 Prozent klingt nach Alarmstufe Rot. Bei Amazon ist es das Gegenteil: das Ergebnis eines bewussten Kurses. Der Konzern pumpt gerade so viel Geld in künstliche Intelligenz wie nie zuvor — und die Anleger fragen sich, wann sich das auszahlt.
Die Amazon-Aktie schloss am Freitag bei 214,85 Euro, ein Minus von 0,62 Prozent zum Vortag. Auf Wochensicht steht dennoch ein Plus von 1,11 Prozent. Zum bisherigen Jahreshoch von 238,05 Euro, erreicht Anfang Mai, fehlen der Aktie knapp zehn Prozent.
Die Kapitalspritze mit Nebenwirkungen
Amazon plant für das laufende Jahr Investitionen von rund 200 Milliarden Dollar. Das Geld fließt vor allem in Amazon Web Services und in die eigene Chip-Entwicklung — die Prozessor-Linien Trainium und Graviton stehen im Zentrum. Das Management begründet den Kraftakt mit einer breiten Nachfrage, die von KI-Laboren bis zu Firmenkunden reicht.
Der Preis dafür zeigt sich in der Bilanz. Der freie Cashflow auf Sicht von zwölf Monaten ist auf etwa 1,2 Milliarden Dollar geschrumpft. Das entspricht einem Rückgang von 95 Prozent gegenüber früheren Vergleichszeiträumen. Genau diese Delle erklärt einen Teil der verhaltenen Kursentwicklung in diesem Jahr.
Anleihen-Deal mit hoher Nachfrage
Um die Investitionswelle zu finanzieren, ist Amazon an den Anleihemarkt gegangen. Der Konzern platzierte in dieser Woche eine mehrteilige Anleihe und sammelte damit 25 Milliarden Dollar ein. Das Bankenkonsortium um Barclays, Goldman Sachs, JPMorgan und Morgan Stanley verzeichnete eine Nachfrage von bis zu 62 Milliarden Dollar.
Fitch vergab für die neuen, unbesicherten Anleihen ein Rating von ‚AA-‚ und verwies auf Amazons starke Marktposition. Die langfristigen Schulden des Konzerns kletterten dadurch über die Marke von 119 Milliarden Dollar. Analysten stufen die Aufnahme als gezielte Finanzierungsrunde für Rechenzentren ein — nicht als Beginn einer unkontrollierten Verschuldungsspirale.
Auftragsbestand als Vertrauensanker
Trotz der Cashflow-Delle bleibt die Nachfrage nach Amazons Cloud-Diensten hoch. AWS meldete zum Ende des ersten Quartals 2026 einen Rekord-Auftragsbestand von 364 Milliarden Dollar. Darin noch nicht eingerechnet: ein mehrjähriger Vertrag mit Anthropic sowie reservierte Trainium-Kapazitäten für Partner wie OpenAI und Meta.
Das Umsatzwachstum bei AWS beschleunigte zuletzt auf 28 Prozent — das schnellste Tempo seit fast vier Jahren. Parallel dazu überschritt das Geschäft mit eigenen Chips eine jährliche Umsatzrate von 20 Milliarden Dollar. Beide Zahlen sprechen dafür, dass die neu gebaute Infrastruktur bereits stark ausgelastet ist.
Charttechnik zeigt Konsolidierung
Charttechnisch befindet sich die Aktie in einer Seitwärtsphase. Der Kurs liegt aktuell rund 1,9 Prozent unter dem 50-Tage-Durchschnitt von 219,02 Euro. Der 14-Tage-RSI steht bei 52,6 — ein neutraler Wert, weder überkauft noch überverkauft.
Während der KI-Trend etliche Chip-Hersteller 2026 auf Rekordhochs trieb, hinkt Amazon mit einem Jahresplus von 11,14 Prozent unter den Schwergewichten hinterher. Institutionelle Investoren bauen ihre Positionen dennoch weiter aus: Filings zeigen, dass etwa Chicago Trust Co. im ersten Halbjahr zugekauft hat.
Die nächste Bewährungsprobe steht Ende Juli an, wenn Amazon seine Quartalszahlen vorlegt. Dann zeigt sich, ob die massiven Investitionen bereits auf die operative Marge durchschlagen — oder ob die Cashflow-Delle noch tiefer wird.
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