Am heutigen Donnerstagabend richtet sich die Aufmerksamkeit der internationalen Finanzmärkte nach US-Börsenschluss auf die Quartalsbilanz von Amazon. Der E-Commerce- und Cloud-Gigant steht vor der Herausforderung, das Vertrauen der Anleger in seine massiven Investitionen in künstliche Intelligenz (KI) zu rechtfertigen. Nachdem die Konkurrenten Alphabet und Microsoft in den vergangenen Tagen gemischte Signale hinsichtlich der Rentabilität ihrer KI-Ausgaben gesendet haben, wird der Bericht des Konzerns als entscheidender Indikator für die Stimmung im Technologiesektor gewertet.

Cloud-Wachstum als Taktgeber für die Aktie

Im Zentrum des Anlegerinteresses steht die Cloud-Sparte Amazon Web Services (AWS). Analysten der Bank of America rechnen mit einer Beschleunigung des Wachstums auf bis zu 33 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Der Konsens für den AWS-Umsatz liegt bei etwa 40,5 Milliarden US-Dollar, was einem Plus von 31 Prozent entspräche. Damit würde AWS an die Dynamik des ersten Quartals anknüpfen, in dem die Sparte mit einem Zuwachs von 28 Prozent das stärkste Wachstum seit vier Jahren verzeichnete.

Medienberichten zufolge wird besonders auf die operative Marge von AWS geachtet, die im ersten Quartal noch bei 37,7 Prozent lag, für das zweite Quartal jedoch bei rund 33,8 Prozent erwartet wird. Da die Cloud-Sparte zuletzt etwa 62 Prozent des gesamten operativen Gewinns der Gruppe beisteuerte, beeinflussen Margenschwankungen in diesem Segment das Gesamtergebnis massiv. Für den Gesamtkonzern erwarten Marktbeobachter einen Umsatz von rund 196,9 Milliarden US-Dollar und einen Gewinn pro Aktie von 1,82 US-Dollar.

Die 200-Milliarden-Dollar-Offensive

Amazon verfolgt eine aggressive Expansionsstrategie bei der Infrastruktur für künstliche Intelligenz. CEO Andy Jassy bezeichnete die aktuelle Entwicklung als „einmalige Gelegenheit“. Um diese zu nutzen, plant der Konzern für das Jahr 2026 Investitionsausgaben (Capex) in Höhe von rund 200 Milliarden US-Dollar – ein deutlicher Sprung gegenüber den 131 Milliarden US-Dollar im Vorjahr. Zur Finanzierung dieser Projekte emittierte Amazon erst kürzlich Anleihen im Volumen von 25 Milliarden US-Dollar.

Dieser enorme Kapitalbedarf spiegelt sich bereits in den Cashflow-Daten wider. Der freie Cashflow sank zuletzt deutlich auf 1,2 Milliarden US-Dollar, nachdem er in einem früheren Zeitraum noch bei 25,9 Milliarden US-Dollar gelegen hatte. Grund hierfür sind primär die Ausgaben für KI-Hardware und Rechenzentren, die allein im letzten Berichtszeitraum um über 70 Prozent im Vorjahresvergleich stiegen. Anleger beobachten kritisch, ob diese Ausgaben zeitnah in entsprechendes Umsatzwachstum umgemünzt werden können.

Marktreaktion und Analysteneinschätzungen

Die Aktie zeigt sich im heutigen Handel stabil und notiert aktuell bei 203,30 €. Damit liegt das Papier mit einem Plus von 2,82% über dem Niveau vom Mittwochabend. Mit diesem Kursanstieg schiebt sich der Wert zudem knapp über den 200-Tage-Durchschnitt, der gegenwärtig bei 202,70 € verläuft und als wichtige technische Unterstützung gilt. In den vorangegangenen sieben Handelstagen hatte die Aktie noch unter Druck gestanden und zeitweise über 9 Prozent an Wert verloren.

Trotz der Skepsis einiger Marktteilnehmer bezüglich der hohen Investitionskosten bleibt die fundamentale Einschätzung der Analysten überwiegend positiv. Von 65 befragten Experten raten laut Medienberichten 62 zum Kauf der Aktie. Die Analysten von KeyBanc stufen das AWS-Wachstum als die wichtigste Kennzahl des heutigen Berichts ein. Auch die Werbesparte bleibt ein Wachstumstreiber: Hier wird für das zweite Quartal ein Umsatzplus von 23 Prozent auf 19,3 Milliarden US-Dollar prognostiziert, während das klassische E-Commerce-Geschäft um 13 Prozent auf knapp 70 Milliarden US-Dollar zulegen dürfte.