Amazon hat mit der Vorlage seiner Ergebnisse für das zweite Quartal 2026 die Erwartungen des Marktes übertroffen. Getrieben durch ein beschleunigtes Wachstum in der Cloud-Sparte AWS und eine massive bilanzielle Aufwertung der Beteiligung am KI-Startup Anthropic stieg der Umsatz im Vergleich zum Vorjahr um 20 Prozent auf 200,61 Milliarden US-Dollar. Damit lag der Konzern über dem Analystenkonsens von 196,47 Milliarden US-Dollar. Besonders der Sprung beim Nettogewinn auf 62,6 Milliarden US-Dollar sorgte für Aufsehen, nachdem dieser im Vorjahreszeitraum noch bei 18,2 Milliarden US-Dollar gelegen hatte.

AWS-Wachstum beschleunigt sich deutlich

Das Cloud-Segment AWS erwies sich erneut als zentraler Ertragsbringer. Mit einem Erlös von 42,2 Milliarden US-Dollar wuchs die Sparte um 36,7 Prozent und verzeichnete damit das stärkste prozentuale Plus seit 18 Quartalen. Laut Amazon IR beläuft sich der Auftragsbestand von AWS inzwischen auf 496 Milliarden US-Dollar, was einer Verdopplung innerhalb eines Jahres entspricht. Das Unternehmen profitiert dabei massiv von der Nachfrage nach Infrastruktur für Künstliche Intelligenz.

Das Management betonte im Rahmen der Zahlenvorlage zudem den Erfolg der eigenen Halbleiter-Entwicklung. Das Geschäft mit maßgeschneiderten Chips erreichte zuletzt eine annualisierte Umsatzrate von über 25 Milliarden US-Dollar. Um diese Position auszubauen, investiert der Konzern aggressiv: Die Prognose für die Investitionsausgaben im Gesamtjahr 2026 wurde von 200 Milliarden auf 220 Milliarden US-Dollar angehoben. Der freie Cashflow auf Zwölfmonatssicht drehte infolge dieser hohen Ausgaben für die KI-Infrastruktur mit 7,6 Milliarden US-Dollar ins Negative.

Milliarden-Bewertungsgewinn durch Anthropic

Ein wesentlicher Teil des Quartalsgewinns ist auf einen Sondereffekt zurückzuführen. Wie aus dem offiziellen 10-Q-Bericht hervorgeht, führte eine Finanzierungsrunde des KI-Unternehmens Anthropic im Mai zu einer Neubewertung von Amazons Anteilen. Die kumulierten Investitionen in Höhe von 13 Milliarden US-Dollar werden nun mit 190,4 Milliarden US-Dollar bilanziert. Dies bescherte Amazon im abgelaufenen Quartal einen nicht operativen Vorsteuerertrag von 53,4 Milliarden US-Dollar.

Während die operativen Segmente in Nordamerika und international zweistellige Wachstumsraten zeigten, fiel der Ausblick auf das dritte Quartal etwas verhaltener aus. Amazon erwartet einen Umsatz zwischen 197 und 202 Milliarden US-Dollar, was leicht unter den bisherigen Schätzungen der Analysten liegt. Als Grund wird unter anderem die zeitliche Verschiebung des Prime Day angeführt, der in diesem Jahr bereits im Juni stattfand und somit die Vergleichsbasis für das laufende Quartal erschwert.

Kursentwicklung und regulatorischer Druck

Die Aktie beendete den Handel am Freitag bei 237,40 € und verzeichnet seit Jahresbeginn ein Plus von 20,53 %. Damit notiert das Papier aktuell 4,66 % unter seinem 52-Wochen-Hoch, das am 3. August bei 249,00 € markiert wurde. Trotz der starken operativen Entwicklung sieht sich der Konzern neuen rechtlichen Herausforderungen gegenüber. Medienberichten zufolge reichte der Generalstaatsanwalt von New Jersey am Dienstag eine Kartellklage ein. Darin wird Amazon vorgeworfen, seine dominante Stellung gegenüber Lieferpartnern missbräuchlich auszunutzen, um unter anderem gewerkschaftliche Organisationen zu verhindern. Amazon wies diese Vorwürfe bereits als unbegründet zurück.

Abseits der Rechtsstreitigkeiten treibt das Unternehmen technische Innovationen voran. Am Mittwoch startete der KI-Assistent Alexa+ in Australien, während am Donnerstag die Sparte für kundenspezifische Silizium-Lösungen starke Wachstumszahlen meldete. Zudem eröffnete der Konzern am Freitag seinen ersten Standort für Drohnenlieferungen im Vereinigten Königreich, um die Logistikkapazitäten in Europa weiter zu flexibilisieren. Auch das Apothekengeschäft wurde ausgebaut: Seit letzter Woche liefert Amazon GLP-1-Medikamente an berechtigte Medicare-Patienten in den USA aus.