Juli 2026 zum letzten Mal in diesem Jahr frisches Fremdkapital besorgt. Der Konzern platzierte eine Anleihe über 25 Milliarden US-Dollar, aufgeteilt in acht Tranchen mit Laufzeiten von drei bis vierzig Jahren. Das Geld soll laut übereinstimmenden Berichten in den Ausbau von Rechenzentrumskapazität für die Amazon-Partner OpenAI und Anthropic fließen. Es ist bereits die dritte große Kapitalaufnahme des Jahres, nachdem Amazon zuvor schon rund 54 Milliarden Dollar in den USA und Europa sowie weitere 10 Milliarden Dollar in Kanada eingesammelt hatte.

Schwächere Nachfrage, steigende Zinslast

Die Investorennachfrage fiel diesmal spürbar geringer aus als bei früheren Deals: Die Orderbücher summierten sich auf rund 60 Milliarden Dollar – nur halb so viel wie bei der März-Emission, die noch 120 Milliarden Dollar eingesammelt hatte. Die 40-jährige Tranche wurde mit einem Aufschlag von 125 Basispunkten über US-Staatsanleihen bepreist. Die Folgen der Fremdkapitalaufnahmen zeigen sich in der Bilanz deutlich: Die langfristigen Schulden kletterten von 65,6 Milliarden Dollar zum Ende des Jahres 2025 auf 119,1 Milliarden Dollar im ersten Quartal 2026, die Nettoverschuldung liegt inzwischen bei über 92 Milliarden Dollar. Der Zinsaufwand stieg im Jahresvergleich von 541 auf 800 Millionen Dollar. Parallel dazu ist der freie Cashflow auf Zwölfmonatssicht um 95 Prozent auf nur noch 1,2 Milliarden Dollar eingebrochen – eine direkte Folge der massiven Investitionen: Allein im ersten Quartal 2026 gab Amazon 44,2 Milliarden Dollar für Investitionen aus, für das Gesamtjahr plant der Konzern rund 200 Milliarden Dollar, nach 131 Milliarden Dollar im Vorjahr. Analysten von Kavout rechnen für 2026 mit einem negativen freien Cashflow zwischen 17 und 28 Milliarden Dollar. Zusätzliche Aufmerksamkeit erregten Insiderverkäufe: Konzernchef Andy Jassy soll allein im zweiten Quartal Aktien im Wert von mehr als 20 Millionen Dollar veräußert haben.

AWS liefert das stärkste Quartal seit Jahren

Die operative Basis für die Investitionsoffensive bleibt jedoch robust. Im ersten Quartal 2026 legte der Konzernumsatz um 16,61 Prozent auf 181,52 Milliarden Dollar zu, der Gewinn je Aktie übertraf mit 2,78 Dollar die Konsensschätzung von 1,653 Dollar deutlich. Der Nettogewinn von 30,25 Milliarden Dollar enthielt allerdings einen unrealisierten Bewertungsgewinn von 16,8 Milliarden Dollar aus der Anthropic-Beteiligung. Das operative Ergebnis stieg um 29,6 Prozent auf 23,85 Milliarden Dollar, die operative Marge erreichte mit 13,1 Prozent einen Rekordwert. Die Cloud-Sparte AWS wuchs um 28 Prozent auf 37,59 Milliarden Dollar Umsatz – das schnellste Wachstum seit 15 Quartalen – bei einer Marge von 37,7 Prozent. Auch das Werbegeschäft legte um 24 Prozent auf 17,24 Milliarden Dollar zu. Für das zweite Quartal stellt Amazon einen Umsatz zwischen 194 und 199 Milliarden Dollar sowie ein operatives Ergebnis von 20 bis 24 Milliarden Dollar in Aussicht. Von 66 Analysten stufen laut 24/7 Wall St. 15 die Aktie als „Strong Buy“ und 47 als „Buy“ ein, nur vier raten zu „Hold“; das durchschnittliche Kursziel liegt bei 312,99 US-Dollar. Yahoo Finance nennt für eine Gruppe von 56 überwiegend bullishen Analysten ein mittleres Kursziel von 315,22 US-Dollar.

Rechenzentren zwischen Ausbau und Gegenwind

Der operative Ausbau geht unterdessen weiter. AWS beantragte Genehmigungen für einen 1,2 Milliarden Dollar teuren, vierteiligen Rechenzentrumskomplex in Boling im texanischen Wharton County – jedes der vier Gebäude soll rund 300 Millionen Dollar kosten und rund 189.060 Quadratfuß Fläche auf einem 2.700 Hektar großen Areal umfassen. Der Baubeginn ist für den 1. August 2026 vorgesehen, die ersten drei Gebäude sollen Anfang Januar 2027 fertig sein, das vierte im August 2027. Das Projekt ist Teil einer auf 4 Milliarden Dollar bezifferten Texas-Investition von AWS bis 2029. Gegenläufig verlief es zuletzt in Delaware: Ein Bundesrichter stoppte per einstweiliger Verfügung ein Amazon-Rechenzentrumsprojekt in Wilmington, weil Umwelt- und Bebauungsprüfungen als unzureichend eingestuft wurden. Der Baustopp könnte sich über Monate oder Jahre hinziehen, nachdem Anwohner zuvor Bedenken wegen Strom- und Wasserverbrauchs geäußert hatten.

An der Börse zeigt sich die Aktie zuletzt vergleichsweise gefasst. Am Freitag schloss das Papier bei 214,85 Euro, ein Minus von 0,62 Prozent zum Vortag. Auf Wochensicht steht ein Plus von 1,11 Prozent zu Buche, über 30 Tage sind es 4,19 Prozent, seit Jahresbeginn 11,14 Prozent. Vom 52-Wochen-Hoch bei 238,05 Euro, erreicht am 5. Mai 2026, notiert die Aktie noch 9,75 Prozent entfernt, zum 52-Wochen-Tief von 165,88 Euro vom 17. Februar 2026 beträgt der Abstand 29,52 Prozent. Der Kurs liegt damit knapp unter dem 50-Tage-Durchschnitt von 219,02 Euro, aber deutlich über dem 200-Tage-Durchschnitt von 201,09 Euro. Die Marktkapitalisierung beläuft sich umgerechnet auf 2.327,39 Milliarden Euro, der RSI von 52,6 signalisiert derzeit keine extreme Über- oder Unterbewertung.