Ausgangslage
Raymond James hat AMD am Dienstag auf „Strong Buy“ hochgestuft und das Kursziel von 565 auf 641 Dollar angehoben. Analyst Simon Leopold begründet den Schritt mit einem erwarteten Wachstum des Server-CPU-Marktes von jährlich 44 Prozent auf 201 Milliarden Dollar bis 2030. Die Aktie reagierte mit einem Kurssprung von knapp fünf Prozent auf 479,18 Dollar. Im deutschen Handel notiert das Papier aktuell bei 416,00 Euro und legt am heutigen Mittwoch um 1,3 Prozent zu.
Der Zeitpunkt ist kein Zufall: AMD hatte im zweiten Quartal einen Data-Center-Umsatz von 6,7 Milliarden Dollar gemeldet, ein Plus von 107 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Der Gesamtumsatz kletterte um 50 Prozent auf 11,5 Milliarden Dollar.
Zugleich bereitet AMD mit dem Instinct MI455X einen neuen KI-Beschleuniger vor, der 432 Gigabyte HBM4-Speicher bieten soll – 50 Prozent mehr als der Vorgänger MI355X. Die Produktion des dazugehörigen Helios-Racks soll im vierten Quartal 2026 anlaufen.
Parallel dazu hat AMD-Chefin Lisa Su ihre China-Strategie bekräftigt: Das Unternehmen verschiebt das Verhältnis von CPU zu GPU im eigenen Portfolio von 1:4 auf 1:1 und rechnet binnen fünf Jahren mit fünf Milliarden KI-Nutzern weltweit.
Die entscheidende Frage
Der Kern der Debatte um AMD lässt sich auf eine Kennzahl zuspitzen: Kann das Unternehmen seinen Anteil am Server-CPU-Markt tatsächlich so schnell ausbauen, dass es Intel bereits 2027 überholt – wie AMD selbst prognostiziert? Raymond James geht von einem Marktvolumen von 201 Milliarden Dollar bis 2030 aus, AMD selbst kalkuliert sogar mit 220 Milliarden Dollar.
Die Differenz mag klein wirken, doch sie zeigt, wie stark die Bewertung der Aktie inzwischen von Marktanteilsgewinnen abhängt, die erst noch eintreten müssen. Für das dritte Quartal hat AMD bereits eine Umsatzprognose von rund 13 Milliarden Dollar ausgegeben, ein Plus von 41 Prozent – die Messlatte liegt also bereits hoch.
Bullisches Szenario
Trifft die Wachstumsrechnung von Raymond James zu, bleibt reichlich Luft nach oben: Das Kursziel von 641 Dollar impliziert gegenüber dem jüngsten US-Schlusskurs noch gut ein Drittel Potenzial.
Baird-Analyst Tristan Gerra geht sogar deutlich weiter und nennt 1.250 Dollar als Ziel, gestützt auf eine Prognose von 147 Milliarden Dollar AMD-Umsatz allein mit KI-Grafikchips bis 2030. Untermauert wird der optimistische Blick durch harte Zahlen aus dem zweiten Quartal: Der Non-GAAP-Gewinn je Aktie stieg um 246 Prozent, und AMD hat nach eigenen Angaben vier Quartale in Folge Rekordumsätze im Server-CPU-Geschäft erzielt.
Auch neue institutionelle Käufe – etwa von BlackRock, das seinen Bestand um 3,1 Prozent aufstockte – deuten auf anhaltendes Vertrauen großer Adressen hin.
Bärisches Szenario
Die Kehrseite zeigt sich in der Bewertung und in der Verschuldung. AMD hat sich mit einer Anleiheemission von 4,75 Milliarden Dollar Mitte August zusätzlich verschuldet, die Gesamtverbindlichkeiten liegen nun bei rund acht Milliarden Dollar. Ein Bärenszenario aus einer aktuellen Kursprognose sieht die Aktie bei lediglich 300 Dollar – deutlich unter den optimistischen Zielmarken.
Zudem haben Insider in den vergangenen drei Monaten Aktien im Wert von knapp 100 Millionen Dollar verkauft, was zumindest Fragen zur kurzfristigen Bewertung aufwirft. Hinzu kommt ein branchenweites Risiko: Berichte über einen „Bullwhip-Effekt“ bei KI-Hardware zeigen, dass Speicherpreise und Baukosten für Rechenzentren rasant steigen – DRAM-Preise etwa um 60 Prozent binnen eines Quartals.
Sollten sich Lieferketten weiter verteuern oder verzögern, könnte das AMDs ambitionierte Produktionspläne für den MI455X belasten. Auch die technische Lage mahnt zur Vorsicht: Der Kurs notiert derzeit unter seinem 50-Tage-Durchschnitt, ein Zeichen dafür, dass die kurzfristige Dynamik nach der Rally der vergangenen Monate nachgelassen hat.
Ausblick
Solange AMD seine Wachstumsraten im Data-Center-Geschäft von deutlich über 100 Prozent hält und die Produktionspläne für den MI455X im vierten Quartal 2026 wie angekündigt anlaufen, dürfte das bullische Lager um Raymond James und Baird die Diskussion dominieren.
Kippt dagegen die Dynamik – etwa durch Verzögerungen bei Helios oder durch anhaltend hohe Speicher- und Baukosten, die die Margen belasten – rückt das Bärenszenario mit deutlich niedrigeren Kurszielen näher.
Ein wichtiger Prüfstein steht bereits am heutigen Mittwoch bevor: die Quartalszahlen von Nvidia, die als Stimmungsbarometer für die gesamte KI-Chip-Branche gelten und indirekt auch auf AMD ausstrahlen dürften.
Der nächste eigene Katalysator für AMD folgt mit dem für das dritte Quartal in Aussicht gestellten Umsatz von rund 13 Milliarden Dollar – bleibt AMD hier im Rahmen der eigenen Prognose, dürfte die aktuelle Bewertungsdebatte vorerst zugunsten der Optimisten entschieden sein.
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