ASML legt am Donnerstag deutlich zu. Die Aktie klettert um 3,36 Prozent auf 1.600,40 Euro — angetrieben von einem starken Quartalsbericht des US-Speicherchipherstellers Micron Technology. Der hat nicht nur die Erwartungen übertroffen, sondern auch die Fantasie für den gesamten Halbleitersektor neu entfacht. Seit Jahresbeginn steht ASML mit einem Plus von fast 62 Prozent da. Aber die entscheidende Frage lautet: Reicht die KI-getriebene Nachfrage nach Speicherchips aus, um den wachsenden Ausfall des China-Geschäfts zu kompensieren?

Die entscheidende Kennzahl

China machte 2025 rund ein Drittel von ASMLs Umsatz aus. Für 2026 rechnet das Unternehmen damit, dass dieser Anteil auf etwa 20 Prozent fällt — ein struktureller Einschnitt, der durch neue Exportbeschränkungen ausgelöst wird. Das Umsatzziel für 2026 liegt bei 36 bis 40 Milliarden Euro. Ob dieses Ziel hält, hängt davon ab, wie schnell die Nachfrage aus dem KI-Speichersegment die Lücke schließt.

Bullisches Szenario: HBM und der DRAM-Zyklus

Microns Bericht liefert konkreten Rückenwind. Das Unternehmen hat seine gesamte HBM-Produktion für 2026 bereits ausverkauft. High-Bandwidth Memory — der Speichertyp, der KI-Beschleuniger wie Nvidias H100 antreibt — braucht modernste Lithografietechnik. Genau die liefert ASML.

Führende Speicherhersteller planen ehrgeizige Kapazitätserweiterungen. Marktbeobachter gehen davon aus, dass ASML 2027 mehr als 80 EUV-Maschinen ausliefern könnte. Hinzu kommt die zunehmende Nutzung von Hybrid-Bonding-Anlagen durch große Cloud-Konzerne — ein Trend, der Analysten dazu veranlasst hat, ihre Gewinnschätzungen für den Zeitraum 2027 bis 2030 nach oben zu korrigieren.

Ferner treibt ASML eigene Zukunftsprojekte voran. Die kürzlich angekündigte Partnerschaft mit der niederländischen Forschungsorganisation TNO zielt darauf ab, die europäische Produktion photonischer Chips in Eindhoven auszubauen. Das ist kein kurzfristiger Kurstreiber — aber ein Signal, dass das Unternehmen seinen Technologievorsprung langfristig verteidigen will.

Bärisches Szenario: Der geopolitische Gegenwind

Das größte Risiko kommt aus Washington. Der sogenannte MATCH Act wird derzeit im US-Kongress debattiert. Er könnte China den Zugang nicht nur zu EUV-Maschinen, sondern auch zu älteren DUV-Systemen (Deep Ultraviolet) entziehen. Das wäre ein harter Schlag: DUV-Anlagen gelten bislang als weniger kritisch und wurden von früheren Exportbeschränkungen weitgehend verschont.

Sollte das Gesetz in seiner schärfsten Form verabschiedet werden, stünde ein erheblicher Teil des verbleibenden China-Geschäfts auf dem Spiel. Die aktuelle Marktkapitalisierung von rund 638 Milliarden Euro preist eine robuste Wachstumskurve ein. Diese Bewertung setzt voraus, dass die EUV-Nachfrage aus Südkorea, Taiwan und den USA den Wegfall chinesischer Aufträge vollständig auffängt.

IBM hat zuletzt Technologie für Chips unterhalb von einem Nanometer vorgestellt. Für die Serienproduktion fehlen aber noch Jahre. Kurzfristig liefert dieser Durchbruch keine finanzielle Entlastung — falls das Exportgeschäft weiter erodiert.

Ausblick: Der 2027-Hochlauf als Prüfstein

Der mittelfristige Kurs von ASML hängt an zwei Variablen. Erstens: Wie schnell steigern Micron, SK Hynix und Samsung ihre Kapazitäten — und wie viele EUV-Maschinen bestellen sie dafür konkret? Zweitens: Wie weit gehen die US-Exportkontrollen?

Technisch handelt die Aktie derzeit rund 42 Prozent über ihrem 200-Tage-Durchschnitt von 1.125 Euro. Das signalisiert eine intakte Aufwärtsdynamik. Allerdings liegt das 52-Wochen-Hoch bei 1.710 Euro — rund 6,4 Prozent über dem aktuellen Kurs. Gelingt der Ausbruch über diese Marke in den kommenden Wochen nicht, könnte eine Phase der Konsolidierung folgen.

Das Szenario für eine Fortsetzung der Rally: Die Auftragsbücher für 2027 füllen sich weiter, und der MATCH Act bleibt in seiner finalen Fassung auf EUV beschränkt. Das Risikoszenario: Breite DUV-Beschränkungen treffen das China-Geschäft härter als erwartet — und das Umsatzziel für 2026 gerät ins Wanken. Wer die Aktie beobachtet, sollte den weiteren Verlauf des MATCH Act im Kongress und offizielle Aussagen zu den EUV-Lieferzielen für 2027 im Blick behalten.