Der Optionsmarkt erwartet an diesem Mittwoch eine der größten Kursreaktionen in der jüngeren Geschichte von ASML. Der niederländische Chipausrüster meldet seine Zahlen zum zweiten Quartal 2026, und Trader preisen einen Ausschlag von 8,36 Prozent in beide Richtungen ein. Das ist mehr als doppelt so viel wie der durchschnittliche Kurssprung nach den vergangenen vier Quartalsberichten.

ASML-Aktien schlossen am Dienstag bei 1.560,00 Euro. Das sind rund 11 Prozent unter dem Rekordhoch von 1.748,00 Euro, das die Aktie erst am 30. Juni erreichte. Zum 50-Tage-Durchschnitt liegt der Kurs noch 4,64 Prozent im Plus, zum 200-Tage-Durchschnitt sogar fast 33 Prozent darüber.

Die 30-Tage-Volatilität von knapp 65 Prozent zeigt, wie nervös der Markt gerade ist. Trotzdem steht die Aktie seit Jahresbeginn mit 57,85 Prozent im Plus. Auf Zwölf-Monats-Sicht hat sie sich mehr als verdoppelt.

Analysten uneins wie selten

Vor dem Bericht klaffen die Einschätzungen ungewöhnlich weit auseinander. Bernstein und Bank of America haben ihre Kursziele angehoben und ihre Kaufempfehlungen bestätigt. Wells Fargo geht besonders weit: Die Bank hob ihr Kursziel von 1.750 auf 2.200 US-Dollar an und stufte die Aktie weiter als „Overweight“ ein. Begründet wird das mit einer höheren Prognose für den globalen Wafer-Fab-Equipment-Markt 2027 — Wells Fargo rechnet nun mit rund 190 Milliarden Dollar statt zuvor 180 Milliarden.

BofA-Analyst Didier Scemama legt noch einen drauf. Er erhöhte sein Kursziel von 2.268 auf 2.345 Dollar und bleibt bei „Buy“.

Nicht alle teilen diesen Optimismus. Zacks stuft die Aktie vor dem Bericht als „Sell“ ein. Das hauseigene Modell signalisiert keinen klaren Gewinnüberraschung für dieses Quartal — in den vergangenen vier Quartalen hat ASML die Konsensschätzung zweimal übertroffen und zweimal verfehlt, mit einer durchschnittlichen negativen Abweichung von 4,54 Prozent. Andere Beobachter verweisen auf die Bewertung: Mit dem 58-Fachen des Gewinns der vergangenen zwölf Monate und dem 48,6-Fachen der erwarteten Gewinne liegt ASML deutlich über seinem Fünf-Jahres-Schnitt. Das lässt wenig Spielraum für weitere Kurssprünge, selbst bei guten Zahlen.

Warum die zweite Jahreshälfte entscheidet

Im ersten Halbjahr hat ASML rund 17,5 Milliarden Euro umgesetzt — 8,8 Milliarden im ersten Quartal, weitere 8,7 Milliarden im Mittelwert der Erwartungen für das zweite. Um die eigene Jahresprognose zu erreichen, muss der Konzern in der zweiten Jahreshälfte noch etwa 20,5 Milliarden Euro nachlegen. Diese Verteilung macht das Timing der Auslieferungen wichtiger als eine bloße Umsatzüberraschung im laufenden Quartal.

Ein weiterer Unsicherheitsfaktor kommt hinzu. Seit dem ersten Quartal 2026 veröffentlicht ASML keine quartalsweisen Auftragseingänge mehr. Das Unternehmen begründet dies damit, dass große Einzelbestellungen den Trend verzerren können. Der Auftragsbestand wird künftig nur noch einmal jährlich offengelegt.

Damit fehlt Investoren eine der klarsten Kennzahlen, um die künftige Entwicklung einzuschätzen. Die Kursreaktion dürfte deshalb stärker davon abhängen, ob das Management seine Umsatzspanne von 36 bis 40 Milliarden Euro bestätigt, wie es den Lieferrhythmus für die zweite Jahreshälfte beschreibt und welche Aussagen zu China und der High-NA-Technologie für 2027 fallen.

Der Bericht als Stimmungstest für die ganze Branche

Die Bedeutung reicht über ASML hinaus. Gemeinsam mit den Zahlen von TSMC, die einen Tag später folgen, gilt der Bericht als wichtiger Gradmesser für die weltweite Nachfrage nach Halbleitern. Der Philadelphia Semiconductor Index ist zuletzt bis zu 16 Prozent von seinem Rekordhoch im Juni gefallen — belastet von Sorgen, der Chipzyklus könnte seinen Höhepunkt bereits überschritten haben.

Der RSI von 50,2 zeigt derzeit keine klare technische Tendenz für die ASML-Aktie. Die Zahlen an diesem Mittwoch und die Aussagen des Managements zur Nachfrage im Jahr 2027 dürften damit die Richtung für die kommenden Wochen vorgeben.