Normalerweise handeln Übernahmekandidaten unter dem Angebotspreis. Bei Atai Beckley ist das Gegenteil der Fall. Die Aktie notiert über Eli Lillys Barangebot — Investoren wetten offenbar, dass ein an Meilensteine geknüpfter Zusatzpayout mehr wert ist, als der Markt bislang einpreist.
Am Mittwoch schloss der Titel bei 6,30 Euro, ein Plus von 1,61 Prozent. Über die vergangenen 30 Tage hat sich der Kurs um 75 Prozent nach oben bewegt, seit die Übernahme bekannt wurde. Aktuell liegt die Aktie 19,75 Prozent unter ihrem 52-Wochen-Hoch von 7,85 Euro, das sie erst am 16. Juli erreichte.
Warum die Aktie über dem Angebotspreis handelt
In gewöhnlichen Bar-Übernahmen liegt der Kurs des Zielunternehmens unter dem Angebot. Der Abstand spiegelt das Risiko, dass der Deal am Ende doch platzt. Bei Atai Beckley überschreibt die Spekulation um sogenannte Contingent Value Rights (CVR) diese übliche Logik.
Lillys Angebot teilt sich in eine Barzahlung und drei zusätzliche Meilenstein-Zahlungen. Diese hängen an klinischen und regulatorischen Fortschritten, die Details reichte Lilly am 16. Juli mit der Fusionsanmeldung ein. Die CVR lässt sich nur unter engen Bedingungen übertragen. Sowohl die Zustimmung der Aktionäre als auch die kartellrechtliche Freigabe stehen noch aus.
Der Markt scheint diesen Rechten einen echten Wert beizumessen. Eine aktuelle Schätzung beziffert den CVR-Anteil auf etwa 0,44 US-Dollar — unter dem angenommenen Mindestwert von 0,50 US-Dollar, weil Ausfallrisiko und lange Wartezeiten bis zu klinischen Entscheidungen mit eingepreist werden.
Die Handelsdaten der vergangenen Woche zeigen, wie nervös der Markt auf die neue Bewertung reagiert. In der Woche bis zum 17. Juli legte die Aktie um 39,7 Prozent zu, allein am Donnerstag sprang der Kurs um 33,4 Prozent. Am folgenden Montag brach das Handelsvolumen dann um rund 87 Prozent gegenüber dem Donnerstagswert von 166 Millionen gehandelten Aktien ein.
Analysten ziehen sich zurück
Trotz der Kursstärke sehen Analysten kein weiteres Aufwärtspotenzial mehr. Der vereinbarte Übernahmepreis deckelt den Spielraum nach oben. Die Investmentthese hat sich verschoben: Es geht nicht mehr um klinische Fortschritte, sondern um die Frage, ob der Deal überhaupt zustande kommt.
H.C. Wainwright stufte die Aktie von „Buy“ auf „Neutral“ zurück und senkte das Kursziel von 25 auf 7,50 US-Dollar. Jefferies zog nach, senkte das Rating von „Buy“ auf „Hold“ und das Kursziel von 10 auf 7,50 US-Dollar. Weitere Häuser wie Canaccord, Cantor Fitzgerald, Guggenheim, Maxim, JonesTrading und TD Cowen vollzogen in den Tagen nach der Ankündigung ähnliche Herabstufungen.
Die Deal-Struktur im Detail
Nach den Vertragsbedingungen zahlt Lilly beim Closing 6,75 US-Dollar je Aktie in bar. Hinzu kommt die Contingent Value Right im Wert von bis zu 2,50 US-Dollar je Aktie, gebunden an Fortschritte bei den Programmen BPL-003 und VLS-01. Die einzelnen Meilensteine:
- 1,00 US-Dollar je Aktie beim Start einer Phase-3-Studie zu VLS-01, spätestens vier Jahre nach Closing
- 0,50 US-Dollar je Aktie bei US-Zulassung und DEA-Umstufung von BPL-003, spätestens fünf Jahre nach Closing
- 1,00 US-Dollar je Aktie bei US-Zulassung und DEA-Umstufung von VLS-01, spätestens sieben Jahre nach Closing
Eine Garantie für diese Zahlungen gibt es nicht. Die Transaktion hängt nicht an einer Finanzierungsbedingung, wohl aber an der Zustimmung der Atai-Beckley-Aktionäre und den üblichen regulatorischen Freigaben. Beide Unternehmen rechnen mit einem Abschluss vor Ende September, im dritten Quartal.
Große Fonds bauen bereits ab
Während die Deal-Story noch läuft, reduzieren erste institutionelle Investoren ihre Positionen. Der ARK Genomic Revolution ETF verkaufte 1,12 Millionen Aktien im Wert von rund 6,02 Millionen US-Dollar. Zum Freitag zuvor hielt der Fonds aber noch 3,19 Millionen Aktien im Wert von 22,78 Millionen US-Dollar — das entspricht 1,4 Prozent des Fondsvolumens.
Die Aktie handelt derzeit 51,91 Prozent über ihrem 50-Tage-Durchschnitt von 4,15 Euro. Der 14-Tage-RSI von 74,7 zeigt eine technisch überkaufte Situation an. Der weitere Kursverlauf hängt jetzt weniger von klinischen Fortschritten ab als von zwei Fragen: Stimmen die Aktionäre der Fusion zu, und erteilen die Kartellbehörden ihre Freigabe. Bis zur erwarteten Deal-Abwicklung im September bleibt offen, wie viel die Meilenstein-Rechte am Ende tatsächlich wert sein werden.
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